Der erste Schuss war ein kurzes, trockenes Husten, das vom Beton der Lagerhallen widerhallte. Kein lauter Knall, nur ein präzises Ausatmen. Der Splitter, der von der Wand neben Heinrichs Kopf sprang, war weiß und scharf wie ein kleiner Zahn.
Sein Körper reagierte, bevor sein Verstand es verarbeiten konnte. Ein Sturz zur Seite, hinter einen umgestürzten Gabelstapler, dessen rostige Gabeln ihm knapp den Bauch aufschlitzten. Der Beton, auf dem er landete, war nass und glitschig. Der Aufprall ließ den Schmerz in seinem Oberschenkel in einem hellen Blitz aufleuchten.
*Lauf.*
Klaus’ stumme Warnung brannte in seinem Kopf. Aber wohin? Die Rampe war eine Falle gewesen. Sie waren nicht nur verfolgt, sondern vorausgesehen worden.
Von oben, vom Dach, antwortete ein zweiter Schuss. Nadjas. Länger, hallender. Das Geräusch einer Pistole, nicht einer Maschinenpistole. Ein Schrei folgte, kurz, unterdrückt. Einer der Männer am Kai stolperte zurück, klatschte mit der Schulter gegen die Bordwand eines vertäuten Lastkahns.
Dann brach das Chaos los.
Eine Salve aus automatischem Feuer zerfetzte die Stille. Die Schüsse hämmerte gegen die Betonfassade über Heinrich, sprühten ihm Gesteinssplitter und Staub ins Gesicht. Er roch das scharfe Ozon des Schwarzpulvers, mischte sich mit dem fauligen Geruch des Hafens. Er kroch weiter, weg von der Rampe, tiefer in das Labyrinth aus Schatten und verrottenden Paletten. Jeder Zug war eine Qual, sein Atem pfiff zwischen den Zähnen hervor.
„Ziel erfasst! Dach, links!“ brüllte eine Stimme. Rauh, befohlen.
Das Feuer teilte sich. Ein Teil konzentrierte sich weiterhin auf seine letzte Position, ein anderer Teil peitschte nach oben, gegen die Silhouette der Lagerhalle, wo Nadja postiert sein musste. Glas zersplitterte irgendwo hoch oben.
Heinrich riskierte einen Blick. Drei Männer. Zwei in taktischer Kleidung, die sich in Deckung bewegten, diszipliniert, wie Soldaten. Der Dritte war bulliger, standiger. Viktor Rahn. Er stand nicht in Deckung. Er stand da, als wäre er immun, die Hände in den Taschen seines dunklen Mantels vergraben. Sein Blick wanderte gelassen zwischen dem Dach und dem Gewirr, in das Heinrich geflüchtet war.
Und Klaus. Klaus kniete immer noch am Rand der Rampe, die Hände auf dem Kopf. Neben ihm stand ein vierter Mann, eine Pistole an Klaus’ Schläfe gepresst. Eine Versicherung.
„Steiner!“ rief Rahn. Seine Stimme trug mühelos über den Lärm der verebbenden Salve. Sie war sachlich, fast bedauernd. „Das ist albern. Komm heraus. Dein Freund stirbt sonst langsam. Die Frau schneller.“
Ein einzelner Schuss von oben. Rahn zuckte nicht einmal zusammen. Die Kugel schlug einen Meter vor seinen Füßen ein und sang davon.
„Sehen Sie?“ sagte Rahn zu niemandem im Besonderen. „Emotional. Unpräzise.“
Er nickte seinem Mann an Klaus’ Seite zu. Der Mann senkte die Pistole von Klaus’ Kopf und feuerte einmal, gezielt, in Klaus’ rechtes Bein.
Der Schuss war dumpf. Klaus brach nach vorn zusammen, ein erstickter Schrei, der mehr nach Überraschung als nach Schmerz klang. Er krümmte sich auf dem nassen Beton, seine Hände umklammerten den Oberschenkel.
Ein eisiger Schock durchfuhr Heinrich. Es war keine Show. Es war eine Demonstration. Eine Kalkulation. Rahn wusste, dass Heinrich zuschauen würde.
„Die nächste zertrümmert sein Knie“, rief Rahn. „Dauert Monate, bis das verheilt ist. Wenn überhaupt. Komm heraus. Jetzt.“
Heinrichs Geist raste, aber alle Wege führten in Sackgassen. Hinter ihm eine fensterlose Mauer. Rechts offenes Gelände, überflutet von trübem Licht einer weit entfernten Straßenlaterne. Links, der Kai und die Männer. Vor sich, das Innere der dunklen Lagerhalle. Eine Falle in einer Falle.
Sein Blick fiel auf den umgestürzten Gabelstapler. Das hydraulische Gestänge. Den dicken Schlauch, der von der Gabel zur Maschine führte. Rostig, aber intakt.
Von oben kam kein weiterer Schuss mehr. Nadja war zum Schweigen gebracht worden oder wartete.
„Ich zähle bis drei, Steiner!“ Rahns Stimme hatte einen Haul von Ungeduld bekommen. „Eins!“
Heinrich griff mit beiden Händen nach dem Hydraulikschlauch am Stapler. Das Metall war kalt und scharf. Er riss, mit einer Kraft, die aus purer Verzweiflung geboren war. Nichts.
„Zwei!“
Ein letzter Ruck, sein ganzer Körper stemmte sich dagegen. Mit einem metallischen Ächzen gab die Befestigung nach. Eine dunkle, ölige Flüssigkeit sprudelte aus dem abgerissenen Schlauch und lief über seine Hände, warm und widerlich.
„Drei!“
Rahn nickte. Der Mann neben Klaus zielte erneut, diesmal direkt auf das gebeugte Knie.
Heinrich tauchte seine Hand in die Pfütze aus Hydrauliköl, dann rieb er sie hastig über den nassen, öligen Beton vor sich. Er schob sich nach vorn, weg vom Stapler, und warf eine Handvoll des glitschigen Schmutzes in einem weiten Bogen auf den beleuchteten Bereich zwischen sich und der Rampe.
„Was…“ begann einer der taktischen Männer.
Dann feuerte Heinrich.
Nicht auf die Männer. Nicht auf Rahn. Er zielte mit der Glock, die er die ganze Zeit in seinem Jackett gehalten hatte, auf den Boden, auf die gerade geschmierte, ölige Spur.
Die Mündungsfeuer war ein greller Blitz in der Dämmerung. Die Kugel schlug in den Beton ein, funkte.
Es reichte.
Mit einem weichen, fast zischenden *Whoosh* fing das ausgelaufene Hydrauliköl Feuer. Eine blaue, dann gelbe Flamme schoss den Weg entlang, den das Öl genommen hatte, und verwandelte den Boden zwischen Heinrich und der Rampe in einen kurzen, aber heftigen Flammenwall. Der plötzliche Feuerschein warf groteske, tanzende Schatten, blendete die Nachtsicht der Angreifer für einen entscheidenden Moment.
Schreie. Verwirrung.
Heinrich war schon in Bewegung. Nicht zurück, nicht zur offenen Fläche. Vorwärts. Durch die Flammen hindurch? Nein. Daneben. Durch den schmalen, rauchverhangenen Korridor, den das Feuer freiließ, direkt auf den Kai zu.
Er sah den überraschten Blick des Mannes mit der Pistole an Klaus’ Kopf, sah, wie dieser instinktiv zurückwich vor der Hitze der Flammen. In diesem Moment war Klaus nicht mehr bewacht.
Heinrich stürzte nicht auf Klaus zu. Das wäre Selbstmord gewesen. Er rannte *an ihm vorbei*, direkt auf den Lastkahn zu, der vertäut am Kai lag. Ein alter, flacher Schubleichter, beladen mit Schrott.
„Halt!“ brüllte Rahn. Seine Gelassenheit war weg. „Erreichen Sie ihn nicht!“
Die Salve, die folgte, war wild, unkoordiniert. Die Männer schossen durch die Flammen und den aufsteigenden Rauch, trafen nur den Kies und das Wasser. Heinrich warf sich über die Reling des Kahns, landete schmerzhaft auf einem Haufen alter Eisenträger. Er roch nach nassem Rost und Moder.
Von hier aus konnte er Klaus sehen. Der lag nur zehn Meter entfernt, aber die Flammen und das nun konzentrierte Feuer der Männer, die sich wieder fangen, machten die Distanz unüberwindbar. Klaus’ Blick traf den seinen. In den Augen seines Freundes war kein Schmerz, keine Angst. Nur eine unermessliche Traurigkeit. Und etwas anderes. Eine Warnung. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf. *Nicht für mich.*
Dann, von der anderen Seite, ein neues Geräusch. Das Kreischen von Metall auf Metall. Hoch oben.
Eine der großen, verrosteten Laufkatzen an der Dachkante der Lagerhalle löste sich und krachte, von unsichtbarer Hand gestoßen, hinab. Sie schlug nicht auf die Männer, sondern direkt vor sie, auf den Rand der brennenden Ölpfütze. Funken stoben wie ein Feuerwerk auf. Die Männer warfen sich zu Boden.
Nadja. Sie war noch da. Sie gab ihm Deckung.
Heinrich nutzte den Moment des Chaos. Er kroch über den Schrottberg zur anderen Seite des Lastkahns. Das Wasser hier war schwarz, ölig. Aber dahinter, nur wenige Meter entfernt, begann das undurchdringliche Dickicht eines wild zugewachsenen Uferstreifens, der sich den Fluss entlangzog.
Ein letzter Blick zurück. Durch den Rauch sah er, wie Rahn wütend auf sein Funkgerät einsprach. Wie zwei der Männer Klaus grob hochrissen und wegzerrten, sein verletztes Bein hinter sich herziehend. Klaus’ Blick blieb auf Heinrich gerichtet, bis er in der Dunkelheit zwischen den Lagerhallen verschwand.
Dann sprang Heinrich. Das Wasser war eiskalt, ein Schock, der ihm den Atem raubte. Er tauchte unter, schwamm mit allen Kräften, die sein verwundeter Körper noch aufbringen konnte, auf das dunkle Ufer zu. Schüsse platschten ins Wasser um ihn herum, aber sie waren blind, durch Rauch und Dunkelheit behindert.
Seine Hände griffen nach Wurzeln, nach Schlamm. Er zog sich hoch, kroch, stolperte, fiel in das schützende Dickicht aus Brennnesseln und wildem Hopfen. Erst dann, als das Blätterdach ihn vollständig verschluckt hatte, blieb er liegen, zitternd vor Kälte und Schmerz, und kämpfte darum, nicht zu ersticken.
Stimmen am Ufer. Scheinwerferlicht, das über das Wasser strich.
„Verschwendete Zeit. Er ist weg“, sagte eine Stimme. Es war nicht Rahn.
„Er ist verwundet. Er kann nicht weit.“ Eine andere Stimme.
„Sollen wir nachsuchen?“
Eine Pause. Dann, klar und entschieden, die Stimme Viktor Rahns, näher als erwartet. Direkt am Ufer, vielleicht nur zehn Meter von Heinrichs Versteck entfernt.
„Nein. Lassen Sie ihn. Er hat jetzt nichts mehr. Keine Beweise. Keine Verbündeten. Nur eine kugel in seinem Bein und eine Menge Fragen.“ Ein weiteres kurzes Schweigen. „Konzentrieren Sie sich auf die Frau. Finden Sie sie. Sie ist der Schlüssel jetzt. Sie weiß, wo die Liste ist.“
Das Licht wanderte weg. Die Schritte entfernten sich, wurden vom Kies verschluckt.
Heinrich blieb reglos liegen, sein Gesicht im feuchten Laub. Der Geruch von Erde und Verwesung füllte seine Nase. Rahn hatte recht. Haralds Daten waren verbrannt. Klaus war wieder in Rahns Gewalt, jetzt noch verletzter. Das Schlauchboot war verloren. Und Nadja…
Nadja war im besten Fall auf der Flucht. Im schlimmsten…
Er zwang den Gedanken beiseite. Zitternd zog er sich weiter in das Dickicht zurück, weg vom Ufer. Sein Verband war durchnässt, das Brennen in der Wunde ein konstantes, nagendes Feuer. Er hatte nichts. Kein Ziel. Keinen Plan.
Doch als er tiefer in die Dunkelheit kroch, wiederholte sich eine einzige Phrase in seinem Kopf, hartnäckig wie ein Herzschlag.
*Sieben Namen.*
Rahn wollte die Liste. Nicht nur, um sie zu vernichten. Um sie zu *besitzen*. Wer sie besaß, hatte Macht über sieben korrupte Beamte. Das war das eigentliche Erbe von Klaus Mertens. Nicht das Waffennetzwerk. Die Korruption, die es ermöglicht hatte.
Und Heinrich wusste etwas, was Rahn nicht wusste. Er hatte die Liste nicht nur gesehen. Er hatte sie *gelesen*. In der flüchtigen Minute, als Nadja ihm seine Brieftasche zurückgab, hatte sein fotografisches Gedächtnis, das Werkzeug des alten Kommissars, eingesetzt. Die Namen. Die Kontonummern. Die Beträge.
Sie waren da. Eingebrannt. Sieben Gespenster in seinem Kopf.
Er blieb unter einem umgestürzten Baumstamm liegen, keuchend. Das Wasser tropfte von seiner Kleidung. Irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene auf – vielleicht die Feuerwehr für das brennende Öl, vielleicht die Polizei.
Er war nicht waffenlos. Er hatte die Glock. Und er hatte sieben Namen.
Das Problem war nur: Einer dieser Namen war ein Mann, den er kannte. Ein Mann, mit dem er vor Jahren in München zusammengearbeitet hatte. Ein Mann, der jetzt in einer Position saß, in der er viel Schaden anrichten – oder viel helfen konnte.
Die Wahrheit über Klaus hatte seine Vergangenheit zerstört. Diese Liste drohte, auch seine Gegenwart zu vergiften.
Aber sie war auch der einzige Köder, den er noch hatte.