Der Wind, der vom Fluss her über das Dickicht strich, war eiskalt. Er trocknete das Blut auf Heinrichs Hose zu einer steifen, dunklen Kruste und ließ ihn zittern. Nicht nur vor Kälte. Vor Erschöpfung. Vor der klaren, nackten Tatsache, dass er hier saß, in einem Nest aus Brennnesseln und Müll, während sein bester Freund irgendwo in einem Lagerhaus mit zwei Kugeln im Leib verblutete.
*Sieben Namen.*
Sie brannten in seinem Gedächtnis, eine stille Litanei des Verrats. Namen, Dienstnummern, Kontonummern, Beträge in Schweizer Franken. Sein fotografisches Gedächtnis, einst sein größter Vorteil im Revierdienst, hatte sie unauslöschlich eingraviert. Es war eine Bürde geworden.
Und einer von ihnen… Martin Drescher. Kommissar, Abteilung Organisierte Kriminalität, München. Ein Mann mit einem trockenen Humor und einer Vorliebe für starken Kaffee. Sie hatten 2005 zusammen an einem Fall gearbeitet, Waffenschmuggel aus Tschechien. Ein kleiner Fisch, damals. Drescher hatte die Ermittlungen mit einer bemerkenswerten… Effizienz geführt. Die Spur war schnell im Sand verlaufen. Heinrich hatte es der Bürokratie zugeschrieben. Der Dummheit. Jetzt wusste er es besser.
Sein Magen zog sich zusammen. Nicht vor Ekel. Vor Wut. Eine kalte, schneidende Wut, die tiefer ging als der Schmerz in seinem Bein. Klaus hatte nicht nur Waffen verkauft. Er hatte das System, das ihn hätte stoppen sollen, gekauft. Und einer der Verkäufer war ein Mann gewesen, dem Heinrich einmal vertraut hatte.
Ein Geräusch ließ ihn erstarren. Kein Schritt, kein Knacken von Zweigen. Ein leises, metallisches *Klicken*. Direkt hinter ihm.
Er drehte sich nicht um. Er presste sich flacher in den Boden, die Hand schloss sich um den Griff der Glock in seinem Jackett. Das Herz hämmerte ihm gegen die Rippen.
„Nicht bewegen“, flüsterte eine Stimme. Weiblich. Atemlos. Nadja.
Sie glitt lautlos neben ihn in das Dickicht, ihr Körper eine warme, feste Präsenz in der Kälte. Ihre Kleidung war zerrissen, eine blutige Schramme zog sich über ihre Wange. Sie roch nach Rauch und Schweiß.
„Sie haben mich fast erwischt“, hauchte sie, den Blick starr auf die Rampe gerichtet, wo die Scheinwerfer jetzt erloschen waren. Nur die roten Rücklichter eines abfahrenden Transporters verschwanden in der Nacht. Rahn war gegangen. Mit Klaus. „Ich bin über die Dächer. Eine Falltür in einem alten Kesselhaus.“
„Klaus?“
„Weg. Bewusstlos, denke ich. Sie haben ihn wie einen Sack weggetragen.“ Sie wandte ihm das Gesicht zu. Im fahlen Mondlicht waren ihre Augen zwei schwarze, glänzende Löcher. „Du blutest immer noch.“
„Es hält.“ Er zwang seine Gedanken zurück in die Gegenwart, weg von Martin Drescher. „Er sagte, ich hätte nichts mehr. Dass du der Schlüssel bist.“
Nadja nickte langsam. „Weil ich die einzige bin, die weiß, wie das Netzwerk von innen funktioniert. Ohne Haralds Daten bin ich der letzte Zeuge. Der letzte, der die Routen, die Lager, die Kontaktpersonen kennt. Rahn kann Klaus töten. Er kann dich töten. Aber solange ich lebe und frei herumlaufe, ist sein Imperium in Gefahr. Ich bin die letzte Sicherungskopie.“
Heinrich stützte sich auf einen Ellenbogen, ein stechender Schmerz fuhr durch seine Seite. „Dann war sein Rückzug nur Taktik. Er lässt mich laufen, weil er denkt, ich bin irrelevant. Und er konzentriert alle Kräfte auf dich.“
„Genau.“ Ein kaltes, abgehacktes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Ein Fehler.“
„Warum?“
„Weil er nicht weiß, was du weißt.“ Ihr Blick bohrte sich in ihn. „Die Liste. Du hast sie dir gemerkt. Jeden Namen. Jede Zahl.“
Er schwieg. Die Anerkennung war ein Zugeständnis. Ein Risiko.
„Das ist unsere Waffe“, fuhr sie fort, ihre Stimme wurde dringlicher. „Nicht die Polizei. Die Liste. Wir müssen einen von ihnen kontaktieren. Den Richtigen.“
„Drescher“, sagte Heinrich tonlos.
„Den, den du kennst. Ja. Wir bieten ihm einen Handel an. Seine Karriere, seine Freiheit, gegen Informationen über Rahns nächsten großen Umschlag. Ort. Zeit. Wir geben das an Rahn weiter – als Beweis, dass wir seinen korrupten Polizisten gefunden haben. Wir bieten einen Tausch an: Klaus gegen unser Schweigen über die Liste.“
Heinrich schloss die Augen. Das Bild von Klaus, wie er am Boden kniete, das Blut aus seinem Bein sickerte, überlagerte sich mit dem von Martin Drescher, wie er in einem Münchner Café lachte. Er sah die Logik. Sie war pervers. Sie erforderte, mit dem Teufel zu paktieren, den man eigentlich vernichten wollte. Sie erforderte, einen Verräter zu benutzen, um einen anderen zu retten.
„Es ist dreckig“, murmelte er.
„Alles hier ist dreckig“, zischte Nadja. „Seit dreißig Jahren. Dein Freund hat diesen Dreck angehäuft. Willst du ihn darin ersticken lassen? Oder willst du ihn rausziehen?“
Die Frage traf ihn wie ein Schlag. Es ging nicht mehr darum, die Wahrheit zu finden. Die Wahrheit hatte er. Sie war ein Gift. Es ging darum, was man mit ihr anstellte. Sie konnte zerstören – Klaus, Drescher, vielleicht sogar ihn selbst. Oder sie konnte als Werkzeug dienen, schmutzig und gefährlich, aber ein Werkzeug.
„Wir können hier nicht bleiben“, sagte Nadja und brach den Bann. „Sie werden das Gebiet systematisch absuchen, sobald es hell wird. Ich kenne einen Ort. Nicht weit. Ein altes Stellwerk. Abgeschrieben, vergessen.“
Sie bewegte sich schon, ein lautloses Gleiten durch das Unterholz. Heinrich folgte ihr, jeder Schritt eine Qual. Sie verließen das Ufer, schlugen sich durch einen zerbrochenen Maschendrahtzaun und betraten ein Gelände, das von wild wucherndem Schierling und hohem Gras überwuchert war. Die Skelette alter Güterwaggons standen schief im Gestrüpp, als wären sie dort gestorben.
Das Stellwerk war ein kleiner, zweistöckiger Backsteinbau, dessen Fenster längst mit Holz vernagelt waren. Nadja führte ihn zu einer eingefallenen Kellertür, die hinter einem Vorhang aus Efeu versteckt lag. Der Raum darunter war eng, muffig und eiskalt. Aber er war leer und, soweit er beurteilen konnte, sicher.
Nadja zündete eine kleine Taschenlampe an, deren schwacher Kegel die Enge ausleuchtete. Sie warfen einen Blick auf seine Wunde. Der Verband war durchweicht. Sie wechselte ihn schweigend, mit den letzten sauberen Resten aus ihrem Kit.
„Wir brauchen ein Telefon“, sagte Heinrich, als sie fertig war. Seine Stimme klang rau in der Stille des Kellers. „Ein sauberes. Nicht meins. Nicht deins.“
„Ich besorge eins“, sagte Nadja. „Morgen. Jetzt musst du ruhen. Du bist fast umgefallen.“
Er wollte protestieren, aber sein Körper war ein einziger Widerspruch. Die Adrenalinspritze war verpufft, zurück blieb eine bleierne Müdigkeit, die bis in die Knochen ging. Er lehnte sich gegen die kalte Backsteinwand und schloss die Augen.
Der Schlaf, der kam, war kein wirklicher Schlaf. Es war ein Taumeln durch Fragmente. Klaus’ lachendes Gesicht bei einem Biergartenbesuch, das sich in das verzerrte, schmerzerfüllte Antlitz am Kai verwandelte. Martin Dreschers Händedruck, fest und vertrauenerweckend. Die schwarzen Zahlen auf dem weißen Papier der Liste, die zu tanzen begannen, sich zu Schlangen formten, die ihn umschlangen.
Er fuhr hoch, keuchend. Es war noch dunkel. Nadja saß wach am Fuß der Kellertreppe, ein dunkler Schatten, der auf die verbarrikadierte Tür starrte.
„Wie spät?“
„Vier. Bald dämmert es.“ Sie drehte den Kopf. „Du hast im Schlaf gesprochen. Einen Namen.“
Er sagte nichts.
„Drescher“, sagte sie leise. „Du hast ‚Warum?‘ gefragt.“
Heinrich rieb sich das Gesicht. Die Stoppeln auf seinen Wangen fühlten sich wie Sandpapier an. „Ich verstehe das ‚Wie‘. Das Geld. Die Macht. Das ‚Warum‘ bei Klaus verstehe ich immer noch nicht. Bei einem Polizisten…“ Er brach ab.
„Vielleicht hat er auch nur eine Frage gestellt“, murmelte Nadja in die Dunkelheit. „Und die Antwort hat ihn gekostet.“
Die ersten grauen Streifen des Morgens fanden ihren Weg durch die Ritzen der Bretter vor dem Kellerfenster. Mit dem Licht kam eine entschlossene Ruhe über Heinrich. Die Zweifel waren nicht verschwunden. Sie waren nur in den Hintergrund getreten, überlagert von einer einfachen, klaren Pflicht: Klaus lebend herausholen. Alles andere war Luxus.
Nadja verschwand kurz nach Sonnenaufgang und kehrte eine Stunde später zurück. Sie trug eine Plastiktüte. Darin: zwei billige Handys mit Prepaid-Karten, frisches Wasser, Schmerztabletten und trockene Socken.
„Von einem Automaten“, sagte sie knapp. „Untraceable. Für eine Weile.“
Heinrich nahm eines der Telefone. Es fühl sich leicht und wertlos an in seiner Hand. Ein Werkzeug. Er wählte eine Nummer aus dem Gedächtnis. Nicht Dreschers Dienstnummer. Eine private, die er einmal auf einer Weihnachtskarte gesehen hatte. Ob sie noch galt? Ob er überhaupt noch in München war?
Es klingelte. Einmal. Zweimal.
Eine verschlafene, gereizte Stimme meldete sich. „Ja?“
„Martin Drescher?“
Eine Pause. Wachsamkeit kroch in die Stimme. „Wer ist da?“
„Ein alter Kollege. Heinrich Steiner. Wir müssen reden. Über eine gemeinsame… Bekanntschaft. Klaus Mertens.“
Die Stille am anderen Ende war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Dann ein scharfes Einatmen.
„Heinrich? Was zum… Wo bist du? Was redest du da?“
„Ich rede von einer Liste, Martin. Sieben Namen. Sieben Konten. Die letzte Rate ist bezahlt. Projekt abgeschlossen.“ Heinrich sprach langsam, deutlich, ließ jedes Wort wie einen Stein ins Wasser fallen. „Dein Name steht darauf. Mit allen Details.“
„Das ist… das ist absurd!“ Die Empörung klang geübt, aber unter ihr pulsierte pure Panik. „Du bist wohl senil geworden! Ich rufe die Polizei!“
„Tu das“, sagte Heinrich ruhig. „Erklär ihnen, warum ein pensionierter Kommissar aus München dich anruft und behauptet, du stündest auf der Gehaltsliste eines Waffenhändlers. Erklär ihnen, wer Klaus Mertens wirklich ist. Ich warte.“
Wieder diese Stille. Er hörte fast das Rasen von Dreschers Gedanken.
„Was willst du?“, kam es endlich heraus, geflüstert, gequetscht.
„Informationen. Viktor Rahn plant einen großen Umschlag. Bald. Ich will Ort, Zeit, Ware. Alles, was du hast.“
„Ich weiß von nichts! Ich…“
„Dann finde es heraus“, unterbrach Heinrich ihn. Seine Stimme wurde eisig. „Du hast bis heute Abend, 20 Uhr. Ich rufe dich auf diesem Handy an. Wenn du nichts hast, schicke ich die Liste an das BKA, an die Staatsanwaltschaft und an drei übereifrige Journalisten, die ich kenne. Dein Leben, wie du es kennst, ist dann vorbei.“
„Du kannst das nicht tun! Das ist Erpressung!“
„Nein, Martin“, sagte Heinrich. Er sah zu Nadja hinüber, die ihn mit unverhohlener Intensität beobachtete. „Das ist ein Handel. Deine Karriere gegen ein Leben. Fair, findest du nicht?“
Er beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten. Seine Hand zitterte leicht, als er das Telefon ausschaltete und den Akku herausnahm.
Nadja sagte nichts. Sie nickte nur, ein einziges, knappes Nicken. Die Anerkennung eines notwendigen, hässlichen Schrittes.
Sie saßen im kalten Halbdunkel des Kellers und warteten auf den Abend. Auf die Antwort eines Verräters. Auf die letzte, verzweifelte Chance, einen Freund aus der Hölle zu ziehen, die er selbst mitgebaut hatte. Die sieben Namen in Heinrichs Kopf fühlten sich an wie glühende Kohlen. Er hatte eine davon benutzt. Die Vergiftung hatte begonnen.