Capitolo 11

Kapitel 11

Die Stille im Keller war nicht friedlich. Sie war gespannt, geladen wie die Luft vor einem Gewitter. Jedes Knacken des alten Gebäudes, jedes Tropfen von irgendwoher war ein Nadelstich. Heinrich saß mit dem Rücken gegen die kühle Wand, das ausgeschaltete Handy eine tote, plastische Last in seiner Hand. Die sieben Namen kreisten. Drescher. Hollweg. Fünf andere, die er noch nicht einordnen konnte. Er hatte den Köder ausgeworfen. Jetzt musste der Fisch anbeißen.

Nadja beobachtete das schmale Kellerfenster, einen mit Schmutz verkrusteten Schlitz in Kopfhöhe, der einen streifigen Blick auf den asphaltierten Hinterhof und eine Mauer erlaubte. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. „Wie lange?“

„Wenn er schlau ist, wartet er. Überprüft die Nummer. Versucht, sie zu triangulieren.“ Heinrichs Stimme klang heiser. „Wenn er in Panik ist… Minuten.“

„Du kennst ihn. Ist er schlau?“

Heinrich dachte an Martin Drescher. An sein gewinnendes Lachen, das immer ein Tick zu früh kam. An seine ungeduldigen Finger auf dem Aktendeckel. „Er ist vorsichtig. Aber gierig. Gierig macht dumm.“

Ein Auto fuhr langsam die Straße vor dem Haus entlang. Das Geräusch des Motors verstärkte sich, schwoll an, wurde zum einzigen Ding in der Welt. Dann verklang es wieder. Kein Halt.

„Sie wissen nicht, dass wir hier sind“, murmelte Nadja, mehr zu sich selbst. „Dies ist ein altes Netzwerk-Versteck. Klaus hat es vor Jahren eingerichtet, für den Fall der Fälle. Selbst Harald wusste nicht davon.“ Sie strich mit den Fingern über den groben Putz der Wand. „Er hat immer einen Ausweg geplant.“

„Und wo ist sein Ausweg jetzt?“ Die Frage hing bitter zwischen ihnen.

„Verschüttet. Unter den Leichen seiner Pläne.“ Nadja wandte den Kopf vom Fenster ab, sah ihn an. Im Dämmerlicht waren ihre Augen tiefe, dunkle Löcher. „Du hast die Liste. Das ist jetzt der einzige Ausweg. Für uns. Vielleicht für ihn.“

Das Handy auf dem Zementboden zwischen ihnen blieb stumm. Die Zeit dehnte sich, zähe wie Sirup. Heinrich spürte, wie die Kälte aus dem Boden in seinen Körper kroch, sich mit der Müdigkeit verband und eine bleierne Schwere in seinen Gliedern erzeugte. Die Wunde am Oberschenkel pochte im gleichen, langsamen Rhythmus wie sein Herzschlag. Ein dumpfer Gong der Verwundbarkeit.

Plötzlich bewegte sich Nadja. Nicht hektisch, sondern mit der flüssigen, geräuschlosen Präzision einer Katze. Sie war in einem einzigen Schwung vom Fenster weg und neben der Kellertür, ihr Ohr an das alte Holz gepresst.

Heinrich erstarrte. Er hatte nichts gehört. Nichts. Aber sein Vertrauen in ihre Sinne war absolut. Seine Hand griff zur Glock, entriegelte leise den Sicherungshebel. Der Klick war im stillen Raum so laut wie ein Schuss.

Dann hörte er es. Ein leises Scharren. Draußen vor der Tür zum Hausflur. Nicht Schritte. Ein Warten.

*Sie sind schon da.*

Die Erkenntnis traf ihn mit der Wucht eines Schlagstocks. Drescher war nicht dumm gewesen. Er hatte nicht angerufen. Er war gekommen. Mit Verstärkung.

Nadjas Blick traf den seinen. Sie deutete mit zwei Fingern auf ihre Augen, dann auf die Decke. *Sie sind oben.* Dann strich sie mit der flachen Hand eine horizontale Linie durch die Luft. *Warten ab.*

Wer? Rahn? Dreschers eigene Leute? Das Bayerische LKA, das seinen korrupten Kriminalrat schützte? Die Möglichkeiten waren alle gleich schlimm.

Ein Handy klingelte.

Nicht das tote auf dem Boden. Ein anderes. Laut, schrill, in der Tasche von Heinrichs Jacke. Die Vibration summte gegen seine Rippen wie eine angriffslustige Hornisse.

Sein Blut gefror. Das war seine private Nummer. Die Nummer, die nur noch drei Menschen kannten. Seine Tochter. Seine verstorbene Frau. Und Klaus.

Nadja starrte ihn an, ihr Gesicht eine Maske aus alarmierter Verwirrung.

Langsam, unter der Last eines unerträglichen Verdachts, zog er das Gerät heraus. Das Display beleuchtete sein Gesicht von unten. Unbekannte Nummer. Berliner Vorwahl.

Er schob die Waffe in seinen Gürtel, hob das Handy an sein Ohr. Sagte nichts.

Atmen. Schweres, keuchendes Atmen auf der anderen Seite. Dann eine Stimme, zerrissen, gequält, kaum mehr als ein heiserer Luftstrom. „Hein… Heinrich?“

Klaus.

Die Welt kippte. Heinrich musste eine Hand gegen die Wand stemmen. „Wo bist du?“

Ein würgendes Geräusch, als würde der Sprecher sich übergeben oder das Blut aus dem Mund wischen. „Kessel… Kesselhaus. Sie… sie lassen mich anrufen. Sie wollen… sie wollen die Liste.“

„Wer ist bei dir? Rahn?“

„Ja.“ Ein langes, rasselndes Einatmen. „Er sagt… er sagt, du sollst kommen. Mit der Liste. Alle sieben Namen. Dann… dann ist es vorbei.“

Heinrich schloss die Augen. Die Falle war so plump, so durchsichtig. Und doch. Das war Klaus’ Stimme. Der echte Schmerz, die echte Angst. Das war kein erzwungenes Script. „Klaus, hör zu. Wer ist der Dritte? Der Auftraggeber? Sag mir den Namen.“

Stille. Dann ein gedämpfter Schmerzensschrei, als würde der Hörer gegen etwas gepresst. Eine andere Stimme, kühl und klar, kam näher. Viktor Rahn. „Sie haben fünfzehn Minuten, Steiner. Die Adresse kennen Sie. Kommen Sie allein. Mit dem, was Sie im Kopf haben. Oder wir schicken Ihnen Ihren Freund in Einzelteilen. Beginnend mit den Fingern, mit denen er diesen Anruf getätigt hat.“ Eine Pause. „Und schalten Sie Ihr anderes Handy wieder ein. Damit wir Sie einladen können.“

Die Verbindung brach ab.

Heinrich ließ den Arm sinken. Er fühlte sich leer. Ausgebrannt. Nadja hatte jedes Wort mitgehört, ihr Gesicht war hart wie Granit.

„Das ist keine Wahl“, sagte sie flach.

„Nein“, stimmte er zu. Seine Stimme klang fremd. „Das ist eine Hinrichtungseinladung.“ Er blickte auf das tote Handy am Boden. Drescher war draußen. Rahn wusste, wo sie waren. Sie waren in der Falle gesessen, ohne es zu merken.

„Sie werden das Kesselhaus in eine Festung verwandelt haben“, sagte Nadja. Sie ging zurück zum Fenster, spähte hinaus. „Ein direkter Angriff ist Selbstmord. Und selbst wenn du hingehst… sie lassen Klaus nicht leben. Die Liste in deinem Kopf ist ein Todesurteil für sie alle. Sie können es sich nicht leisten, dass auch nur einer von euch beiden überlebt.“

Heinrich nickte. Die Logik war eisern und unausweichlich. Doch in diesem Moment, durch den Nebel der Erschöpfung und Verzweiflung, funkte etwas. Ein winziger, blasser Lichtschimmer. Ein Muster.

„Rahn sagte: ‚Damit wir Sie einladen können‘.“ Heinrich richtete sich auf, der Schmerz wurde zur Nebensache. „Er will, dass ich mein Handy einschalte. Nicht nur, um mich zu orten. Sondern um… mich zu leiten.“

Nadjas Augen verengten sich. „Sie wollen dich in eine bestimmte Route zwingen. Durch bestimmte Straßen. Wo sie dich beobachten können. Wo sie sicher sind, dass du allein bist.“

„Und wo sie Zeit haben, aufzuräumen“, fügte Heinrich hinzu. Sein Blick wanderte zur Decke, zu den Geräuschen, die jetzt deutlicher wurden – gedämpfte Schritte, direkt über ihnen. Dreschers Aufräumtrupp. „Bevor ich dort ankomme.“

Ein fast unsichtbares Lächeln berührte Nadjas Lippen. Kein freudiges. Ein wölfisches. „Dann müssen wir ihre Aufmerksamkeit teilen.“

Sie zog ein kleines, flaches Messer aus ihrem Stiefel, kniete sich vor die Kellertür und begann, mit der Spitze vorsichtig an der alten, verrosteten Schließmechanik zu arbeiten. „Es gibt einen zweiten Ausgang. Ein Abwasserrohr, das in den nächsten Kanalschacht führt. Klaus hat es als Fluchtweg freigehalten.“ Sie sah zu ihm hoch. „Du wirst dein Handy einschalten. Du wirst gehen. Und du wirst ihnen eine wunderbare Show bieten.“

„Und du?“

„Ich werde Drescher und seine Männer hier beschäftigen. Und dann…“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen, während sich mit einem leisen, metallischen *Klick* das Schloss der Kellertür von innen öffnete. „Dann nehme ich den Hintereingang zum Kesselhaus. Den, den nur Klaus und ich kennen.“

„Es ist ein Selbstmordkommando“, sagte Heinrich, aber er wusste schon, dass es keine Alternative gab. Es war der einzige unerwartete Zug auf einem Schachbrett, das bis zur letzten Linie kontrolliert wurde.

„Alles ist ein Selbstmordkommando“, erwiderte sie und schob die Tür einen Spaltbreit auf. Der dunkle, modrig riechende Hausflur lag still vor ihnen. Von oben drang jetzt gedämpftes Stimmengewirr herab. „Aber wir wissen etwas, was sie nicht wissen.“

„Was?“

„Dass du die Liste hast. Und dass ich weiß, wo der Hintereingang ist.“ Sie reichte ihm das tote Handy. „Schalt es ein, sobald du auf der Straße bist. Geh langsam. Gib ihnen Zeit, dich zu sehen. Nimm die Hauptstraße Richtung Osten. Ich finde dich, bevor du dort ankommst.“

Ihr Händedruck war fest, kurz, endgültig. Dann glitt sie lautlos in den Flur hinaus und verschwand in der Richtung, die nicht nach oben führte.

Heinrich wartete, zählte bis dreißig in seinem Kopf. Dann trat auch er hinaus. Die Treppe nach oben war schwach beleuchtet, die Türen zu den Erdgeschosswohnungen geschlossen. Die Stimmen kamen von ganz oben, vom Dachboden. Drescher durchsuchte das falsche Versteck.

Er schlich zur Haustür, einem schweren, alten Holzding mit milchigem Glas. Ein Riegel, quietschend, aber leise. Dann war er draußen, in der kühlen, dieselgeschwängerten Nachtluft des Berliner Hinterhofviertels.

Er lehnte sich einen Moment an die Hauswand, holte tief Luft. Dann drückte er den Einschaltknopf seines Handys.

Das Display erwachte zum Leben. Sekunden später begann es zu vibrieren. Eine SMS. Eine Karte. Ein pulsierender blauer Punkt, der seine Position markierte, und eine rote Linie, die sich durch das Straßennetz zog – die vorgeschlagene Route. Sie führte über große, gut einsehbare Straßen, vorbei an leeren Plätzen, unter Brücken hindurch. Eine perfekte Prozessionsstraße für ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Er begann zu gehen. Jeder Schritt hallte in der stillen Seitenstraße wider. Sein Blick wanderte nicht suchend umher, er starrte geradeaus, die Schultern gebeugt, die Hände in den Taschen vergraben. Die perfekte Silhouette des gehetzten, einsamen Mannes.

Nach fünf Minuten bog er auf die erste große Straße ein. Sofort spürte er die Blicke. Nicht direkt. Reflektiert in Scheiben von parkenden Autos. Aus dem Obergeschoss eines schwach beleuchteten Cafés. Er war ein Fisch im Aquarium.

Sein Handy vibrierte erneut. Eine neue SMS von derselben unbekannten Nummer: *Gut so. Weiter. Keine Abweichungen.*

Er ging weiter. Unter einer Bahnbrücke hindurch, deren gewaltige Betonpfeiler das Geräusch seiner Schritte verschluckten und in ein bedrohliches Echo verwandelten. Hier, im tiefsten Schatten, bewegte sich etwas zur Linken. Ein dunkler Fleck löste sich von einem Pfeiler.

Heinrichs Herz setzte einen Schlag aus. Seine Hand fuhr zur Waffe.

Dann erkannte er die schlanke Gestalt, das kurze, dunkle Haar. Nadja. Sie war nass bis zur Hüfte, roch nach Kanalschlamm und Rost. In ihrer Hand hielt sie keine Waffe, sondern ein langes, schmales Werkzeug, eine Brechstange oder einen großen Schraubenschlüssel.

Sie sagte kein Wort. Sie deutete nur mit einer schnellen Geste nach oben, auf die Unterseite der Brücke, wo ein schmaler Wartungssteg entlanglief. Dann verschwand sie wieder im Dunkel, Richtung Osten.

Die Botschaft war klar. Die Überwachung war oben. Die Route war von oben kontrolliert.

Er ging weiter, verließ die Brücke, trat wieder ins fahle Licht der Straßenlaternen. Die rote Linie auf seiner Karte führte ihn jetzt in ein Gewerbegebiet, heruntergekommene Lagerhallen, verlassene Fabriketagen. In der Ferne, über den Dächern, ragte der massige, schwarze Umriss eines alten Industriebaus mit hohen Schornsteinen gegen den Nachthimmel. Das Kesselhaus.

Noch zehn Minuten, schätzte er. Die Straße wurde einsamer, die Lampen seltener. Die Dunkelheit zwischen den Gebäuden war absolut, ein schwarzer Teppich, in dem alles Mögliche lauern konnte.

Plötzlich erlosch der blaue Punkt auf seinem Handy. Das Display flackerte und wurde schwarz. Die Batterie war tot – oder das Signal wurde blockiert.

Er blieb stehen. Die Stille war jetzt bedrückend, vollständig. Kein Auto, kein Fernsehgeräusch aus einem Fenster. Nur der Wind, der durch zerbrochene Fenster pfiff.

Das war der Ort. Hier, in dieser Sackgasse der Zivilisation, war der Punkt, an dem die Einladung enden und die Jagd beginnen sollte.

Er zog die Glock, drückte sich an die Wand einer Halle, sein Atem bildete weiße Wolken in der Kälte. Seine Augen suchten die Dächer, die Fensterhöhlen, die Schatten.

Dann hörte er es. Nicht von vorne, von der Richtung des Kesselhauses.

Von hinten.
Das leise, elektrische Surren eines Motors. Ein kleines, dunkles Elektroauto, lautlos wie ein Geist, rollte die Straße entlang, auf der er gerade gekommen war. Es hielt an, etwa fünfzig Meter entfernt. Die Scheinwerfer blieben aus.

Die Beifahrertür öffnete sich.
Ein Mann stieg aus. Groß, breit gebaut, in einer dunklen, teuren Lederjacke. Auch ohne Licht erkannte Heinrich die Haltung, die geduldige, gefährliche Ruhe.

Viktor Rahn.
Er stand einfach da, die Hände in den Taschen, und blickte in Heinrichs Richtung. Er war nicht allein. Im Hintergrund, im Dunkeln des Autos, sah Heinrich eine zweite, zusammengesackte Gestalt. Klaus.

Rahn hob eine Hand. Winkte ihn heran. Eine Geste, die beinahe freundlich wirkte.

Es war keine Falle mehr. Es war die offene Konfrontation. Rahn hatte die Inszenierung satt. Er wollte es hier beenden. Abseits, sauber.

Heinrich blieb an der Wand, den Finger am Abzug. Sein Blick schoss zu den Dächern, wo Nadjas Weg hätte sein sollen. Nichts.

Rahns Stimme trug ruhig durch die kalte Nacht. „Die Zeit für Versteckspiel ist vorbei, Steiner. Sie haben etwas, das mir gehört. Ich habe etwas, das Ihnen gehört. Lassen Sie uns ein einfaches Geschäft machen. Wie erwachsene Männer.“

Heinrich antwortete nicht. Er atmete ein, aus. Konzentrierte sich auf das Auto. Auf die Gestalt von Klaus. Wo war Nadja? War sie aufgehalten worden? War *das* die eigentliche Falle – ihn hierher zu locken, während sie sich um die einzige Verstärkung kümmerte?

Rahn seufzte hörbar, als wäre er von einem ungezogenen Kind genervt. Er drehte sich zum Auto um, beugte sich hinein. Als er sich wieder aufrichtete, zerrte er Klaus heraus. Klaus stolperte, fiel auf die Knie. Sein Gesicht war eine einzige blutige Maske, sein Atem ein pfeifendes Röcheln. Rahn hielt ihn am Kragen fest, wie einen welken Sack.

„Die sieben Namen, Steiner“, sagte Rahn, und seine Stimme hatte nun jeden Anflug von Geduld verloren. Sie war scharf wie Stahl. „Sagen Sie sie mir. Jetzt. Oder ich fange an, Teile abzutrennen. Und wir schauen, wie viele Sie brauchen, bis Ihre Erinnerung nachgibt.“

Er zog ein langes, dünnes Messer aus seinem Gürtel. Die Klinge reflektierte fahles Licht von irgendwoher.

Heinrich presste sich fester gegen die Wand. Die Mündung der Glock zitterte leicht. Er konnte schießen. Vielleicht traf er Rahn. Vielleicht nicht. Klaus war im Weg. Die Sekunden zerrannen.

Dann, von ganz oben, vom Dach der Halle, an der er lehnte, ein Geräusch.
Ein einzelner, harter Schlag auf Metall.
*Clang.*

Rahns Kopf fuhr herum. Seine Aufmerksamkeit, für einen winzigen, kostbaren Moment, war woanders.

Das war das Signal.
Heinrich feuerte.