Capitolo 8

Kapitel 8

Der Schmerz in seinem Oberschenkel war ein dumpfer Gong, der jeden Gedanken begleitete. Heinrich stützte sich auf die kühle Betonwand der verlassenen Lagerhalle, in die Nadja sie geführt hatte. Der Raum roch nach modrigem Holz, Rost und dem süßlichen Geruch verfaulender Kartoffeln, die irgendwo in einer Ecke vergessen worden sein mussten. Eine einzige, zerbrochene Hochfensterscheibe ließ das fahle Licht der Stadt hereinfilteren und warf gespenstische Streifen über Berge von verrottenden Säcken.

Nadja beobachtete ihn, während sie einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten aus einer wasserdichten Tasche zog, die sie im Schlauchboot verstaut hatte. Ihr Blick war analytisch, frei von Mitleid. „Hose auf. Lass sehen.“

Er gehorchte widerwillig, die Bewegung ließ ihn vor Schmerz die Zähne zusammenbeißen. Der Stoff klebte an der Wunde. Sie kniete sich hin, ein Taschenlampe zwischen den Zähnen, und leuchtete auf den schmutzigen Verband aus seinem zerrissenen Hemd.

„Kein Durchschuss. Einstichstelle von einem scharfen Splitter. Tief, aber glücklicherweise am Muskel vorbei. Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Ihre Stimme war monoton, die eines Feldmediziners. Sie reinigte die Wunde mit einem scharfen Desinfektionsmittel, das wie weißes Feuer brannte. Heinrich grub die Fingernägel in den Beton hinter sich. Kein Laut.

Während sie einen frischen Druckverband anlegte, sprach er, um von dem Brennen abzulenken. „Die Liste. Sieben Namen.“

„Ich weiß.“ Sie zog die Binde straff, knotete sie fest. „Ich habe sie gesehen, als ich dir die Brieftasche gab.“

„Du hast sie mir nicht gegeben. Du hast sie mir zurückgegeben. Ein Unterschied.“ Er sah auf ihren Scheitel hinab. „Warum hast du nichts gesagt?“

Sie blickte auf, das Taschenlicht blitzte in ihren Augen. „Weil ich sie nicht kannte. Klaus hat diese… Abrechnungen… ohne mich geführt. Harald war sein Mann für solche Dinge. Für die stillen Ausgaben.“ Sie stand auf, wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. „Aber es macht Sinn. Ein Netzwerk wie seines funktioniert nicht ohne schmierte Finger. Bei der Polizei. Beim Zoll. Auf dem Flughafen.“

„Sieben schmierte Finger“, murmelte Heinrich. Er zog die nasse Hose mühsam wieder hoch. „Die letzte Rate ist bezahlt. Das Projekt beendet. Klaus hat sie ausbezahlt, um sie ruhig zu stellen. Für seinen Ausstieg.“

„Oder“, sagte Nadja und packte den Erste-Hilfe-Kasten weg, „um sie zu markieren. Eine Quittung ist auch eine Schuldverschreibung. Wer sie besitzt, hat Macht über diese sieben Namen.“

Heinrich dachte an das Handy in seiner Tasche. Das schwarze, stumme Rechteck. „Rahn will diese Liste. Mehr als alles andere. Mehr als Klaus. Das war es, was er am Kai wirklich verlangt hat. Nicht die Netzwerkdaten. Die Namen.“

„Natürlich.“ Nadja lehnte sich gegen einen Säckestapel, verschränkte die Arme. „Mit den Daten kann man ein Geschäft zerstören. Mit den Namen kann man Menschen zerstören. Und wer diese Namen kontrolliert, kontrolliert die schmutzigen Hände, die sein neues Geschäft schützen sollen. Klaus hat Rahns zukünftige Korruptionsbasis abgeschöpft und die Beweise dafür mitgenommen.“

Ein kalter Schauer lief Heinrich den Rücken hinab, der nichts mit der feuchten Kälte der Halle zu tun hatte. Sein bester Freund. Der Mann, mit dem er dreißig Jahre lang Weihnachtsfeste gefeiert, Fußball geschaut, über Politik und Pension gestritten hatte. Dieser Mann hatte nicht nur Waffen bewegt. Er hatte ein System von Verrat und Bestechung aufgebaut und dann, als er ging, die schriftlichen Schuldscheine eingesteckt. Als Druckmittel? Als Versicherung?

„Er wollte das Netzwerk zerstören“, sagte Heinrich leise, Haralds geflüsterte Worte im Container wiederholend. „Nicht nur aussteigen. Er wollte es einreißen. Und diese Liste war der Hebel.“

Nadjas Schweigen war Zustimmung. Dann sagte sie: „Und jetzt hat Rahn Klaus. Und wir haben die Liste. Das macht uns zur Zielscheibe für beide Seiten. Für Rahn, der sie zurückwill. Und für die sieben Namen, die sie für immer verschwinden sehen wollen.“

Plötzlich durchfuhr ein greller, vibrierender Summton die Stille. Nicht das Handy, das Heinrich gefunden hatte. Nadjas Telefon. Sie zog es aus einer Innentasche ihrer Jacke. Der Bildschirm warf ein blasses Licht auf ihr Gesicht, das sofort hart wurde. Sie las eine Nachricht, ihre Lippen bewegten sich lautlos.

„Was ist es?“

Sie schob ihm das Telefon wortlos entgegen. Eine SMS von einer unbekannten Nummer. Der Text war knapp, deutsch, ohne Gruß oder Abschied:

*Der Kessel ist kalt. Der Ofen muss neu angezündet werden. Komm allein. Bring den Funken. – Ein Freund von Harald.*

Heinrich blickte auf. „Das ist…“

„Metaphern. Code.“ Nadjas Stimme war angespannt. „Kesselhaus. Rahns Umschlagplatz. ‚Der Kessel ist kalt‘ – die Aktivitäten liegen still wegen des Chaos. ‚Der Ofen neu anzünden‘ – er will das Geschäft wieder anlaufen lassen. ‚Der Funken‘…“

„…ist die Liste“, beendete Heinrich den Satz. „Oder der, der sie hat. Wer ist dieser ‚Freund von Harald‘? Ein weiterer Buchhalter?“

„Harald hatte keine Freunde.“ Nadja nahm das Telefon zurück, ihre Daumen flogen über den Bildschirm. „Er war ein paranoides Genie. Ein Mensch, der seine Sicherungskopien in Mikrofilm meißelte. Er hätte niemals einen Komplizen riskiert. Außer…“ Sie hielt inne.

„Außer es war Teil seines Plans. Seines toten Manns-Schalters.“ Heinrich spürte, wie sich die Müdigkeit wie Blei in seinen Gliedern ausbreitete, während sein Verstand hart arbeitete. „Du hast gesagt, er hatte Anweisung, die Daten zu veröffentlichen, wenn du ausfällst. Vielleicht hatte er eine weitere Anweisung. Für den Fall, dass *er* ausfällt. Eine Nachricht an dich. Um den Plan am Laufen zu halten.“

„Aber er ist ausgefallen. Er ist tot.“ Nadjas Augen waren schmale Schlitze. „Diese Nachricht kam zu spät.“

„Oder genau rechtzeitig.“ Heinrich tastete nach der kalten Metallhülle des fremden Handys in seiner Tasche. „Vielleicht ist das hier kein Zufall. Vielleicht ist es Teil derselben Maschinerie. Haralds letztes Räderwerk, das noch läuft.“

Sie musterte ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. „Du willst hingehen.“

„Wir haben keine Wahl.“ Heinrich stemmte sich von der Wand hoch, ein stechender Schmerz durchfuhr sein Bein. „Wir haben kein Boot, keine Daten, kein Versteck. Rahn weiß, dass wir die Liste haben. Er wird jeden Zentimeter dieser Stadt umdrehen, um sie zu finden. Und die sieben Namen…“ Er machte eine Pause, ließ die unausgesprochene Drohung in der Luft hängen. Sieben Männer oder Frauen in Uniform oder Amt, die jetzt wahrscheinlich in Panik waren und nach einer Lösung suchten. Eine Lösung namens Heinrich Steiner. „Dieser ‚Freund‘ ist der einzige Faden, den wir noch haben. Vielleicht weiß er, wo Klaus ist. Vielleicht hat er mehr von Haralds Beweisen.“

„Es ist eine Falle“, sagte Nadja mit eisiger Sicherheit. „Rahn lockt dich ins Kesselhaus. Er hat Haralds Telefon abgefangen oder seine Kommunikation überwacht. Er spielt Haralds Rolle weiter, um dich in die Fänge zu bekommen.“

„Möglich.“ Heinrich nickte. „Sehr wahrscheinlich sogar. Aber was ist die Alternative? Hier im Dreck warten, bis sie uns finden? Oder versuchen, mit einer blutenden Wunde und einer Handy-Bombe in der Tasche durch die halbe Stadt zu fliehen?“

Ein langes, schweres Schweigen breitete sich aus, nur unterbrochen vom tropfenden Wasser irgendwo in der Tiefe der Halle. Das fahle Licht von draußen schien schwächer zu werden. Der Morgen war noch fern.

„Dann gehen wir nicht allein“, sagte Nadja schließlich. Ihre Stimme hatte einen entschlossenen, fast brutalen Unterton. „Wenn es eine Falle ist, drehen wir sie um. Wir geben ihm, was er will. Aber auf unsere Art.“

Sie ging zu einem Haufen verrotteter Säcke, schob sie beiseite und zog einen kleinen, schlammbeschmierten Rucksack hervor, den sie beim Verlassen des Containers mitgenommen hatte. Sie öffnete ihn und holte zwei Gegenstände heraus: die schwarze Metallbox, die Haralds USB-Sticks und den Mikrofilm enthalten hatte – jetzt leer – und die Glock 19 aus dem Schließfach des Bahnhofs Zoo.

Sie hielt die Waffe Heinrich hin. „Du bist der Funke. Du trägst die Liste in deinem Kopf. Und das in deiner Hand.“

Er nahm die Pistole. Das Gewicht war vertraut, bedrohlich und tröstlich zugleich. „Und was ist mit der Box?“

Ein gefährliches, schmales Lächeln erschien auf Nadjas Gesicht. „Die Box ist der Köder. Sie ist leer, aber Rahn weiß das nicht. Für ihn ist sie das Symbol für Haralds Daten. Wir geben ihm die Box. Wir tauschen sie gegen Zeit. O gegen Informationen.“

„Und wenn er einfach auf dich schießt und die Box nimmt?“

„Dann“, sagte sie und steckte die leere Box in ihren eigenen Rucksack, „hast du hoffentlich ein klares Schussfeld von deiner Position aus.“

Sie entwickelten den Plan im Flüsterton, während die Nacht um sie herum langsam zu grauen begann. Es war ein dünner Plan, durchlöchert von Unwägbarkeiten wie ein Sieb. Nadja würde zuerst gehen, das Terrain um das Kesselhaus erkunden. Ein stillgelegtes Brauereigelände östlich der Spree, verwinkelt, voller verfallener Backsteingebäude und rostiger Industrieanlagen. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. Oder für einen Gegenschlag.

Heinrich würde mit Abstand folgen, getarnt als obdachloser Veteran, was er in seinen schmutzigen, blutverschmierten Kleidern ohnehin schon war. Seine Aufgabe war es, Nadjas Rücken zu decken und, wenn der Austausch stattfand, aus der Deckung heraus die Oberhand zu behalten. Sie einigten sich auf einfache Handzeichen, da Funkgeräte zu auffällig waren.

Kurz bevor sie die Lagerhalle verließen, zog Heinrich das fremde Handy noch einmal heraus. Der Akku war im roten Bereich. Auf einem Impuls öffnete er die Kontaktliste. Sie war leer. Den Anrufverlauf löschen war einfach, aber eine komplett leere Kontaktliste? Das sprach für Paranoia. Oder dafür, dass das Gerät nur für einen einzigen Zweck gedacht war.

Er drückte die Ein-/Aus-Taste. Der Bildschirm erlosch. Er würde es nicht mitnehmen. Es war eine Fackel, die ihren Standort verraten konnte. Er schob es zwischen zwei morsche Holzlatten in der Wand, wo es unsichtbar war. Sollte es jemand finden. Es führte zu niemandem mehr.

Der Weg zum Kesselhaus war eine Reise durch das vergessene Berlin. Sie bewegten sich durch Hinterhöfe, entlang stillgelegter Gütergleise, unter Brücken hindurch, wo das Graffiti wie wütende Schreie an den Wänden klebte. Der Schmerz in Heinrichs Bein war ein konstanter Begleiter, ein rhythmisches Pochen, das seinen Schritt bestimmte. Er hielt immer mehrere Dutzend Meter Abstand zu Nadja, sah ihre schlanke Silhouette zwischen Schatten und den ersten grauen Streifen der Morgendämmerung verschwinden und wieder auftauchen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte das Gelände der alten Brauerei vor ihnen auf. Eine hohe, verfallene Backsteinmauer, darüber ragten die gespenstischen Umrisse von Schornsteinen und Kesseldächern gegen den heller werdenden Himmel. Das Tor war einst wohl massiv gewesen, jetzt hing es schief in den Angeln, ein Stück weit geöffnet wie der Mund eines Schlafenden. Nadja verschwand darin, ohne sich umzusehen.

Heinrich wartete, lehnte sich gegen die kalte Ziegelwand einer gegenüberliegenden Lagerhalle. Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten Morgenluft. Irgendwo in der Ferne kreischte eine Möwe, ein schriller, einsamer Laut. Er prüfte die Glock. Magazin voll. Sicherung an. Sein Herz schlug langsam, schwer, wie ein Hammer auf Amboss.

Fünf Minuten vergingen. Zehn. Kein Zeichen von Nadja. Kein Laut aus dem Brauereigelände.

Die Stille war falsch. Zu dick. Zu voll.

Er schob sich vom der Wand, schlich auf das offene Tor zu. Jeder Schritt auf dem Schotterweg schien ihm ohrenbetäubend laut vorzukommen. Er blieb im Schatten des Torpfostens stehen, spähte hinein.

Ein großer, gepflasterter Hof tat sich auf, gesäumt von den hohen, fensterlosen Fassaden der Brauereigebäude. In der Mitte stand, wie ein vergessenes Monument, ein riesiger, verrosteter Kupferkessel, so groß wie ein Kleinbus. Überall lagen Schutt, zerbrochene Flaschen, verrottete Holzpaletten. Keine Bewegung.

Dann sah er es. Auf dem Kessel, mit einem Stein beschwert, lag ein Stück weißer Karton. Ein Signal.

Er trat in den Hof, die Pistole halb erhoben, sein Blick sprang von Fensterloch zu Fensterloch, von Schatten zu Schatten. Nichts. Er erreichte den Kessel, nahm den Karton. Eine handgeschriebene Nachricht, mit fetten, schwarzen Buchstaben:

*FALSCHES FEUER. ZU SPÄT. GEH ZUM URSPRUNG. ZUM ANFANG ALLER LISTEN. – F.v.H.*

Sein Blut gefror. Es war keine Falle Rahns. Es war etwas anderes.

Ein leises Kratzen, wie ein Schuh über Schotter, ließ ihn herumwirbeln. Aus einem dunklen Torbogen am Ende des Hofes trat nicht Rahn, nicht Nadja.

Es war Klaus.

Aber es war nicht der Klaus, den er kannte. Sein Gesicht war eine Maske aus blauen und gelben Flecken, das eine Auge zugeschwollen. Sein eleganter Trenchcoat war zerrissen, schmutzig. Er ging langsam, leicht vornübergebeugt, als schmerze ihn jede Bewegung. In seinen Händen hielt er nichts. Seine Augen, das eine, das er öffnen konnte, trafen Heinrichs Blick. Es war kein Blick der Erleichterung. Es war ein Blick unermesslicher Trauer. Und Warnung.

Hinter ihm, aus demselben dunklen Torbogen, traten zwei Männer. Sie trugen keine Masken. Ihre Gesichter waren gewöhnlich, ausdruckslos. Die eine Sache, die nicht gewöhnlich war, waren die Maschinenpistolen, die sie lässig, aber professionell im Anschlag hielten. Nicht auf Klaus. Auf Heinrich.

Klaus’ Lippen bewegten sich. Kein Ton kam heraus, aber Heinrich konnte die Worte formen, als wären sie in die kalte Morgenluft gemeißelt.

*Lauf.*

Dann, von oben, von einem der Dächer, ertönte Nadjas Stimme, scharf und klar wie ein Peitschenknall: „STEINER! DECKUNG!“

Im selben Moment richteten sich die Mündungen der Maschinenpistolen auf.