Der gestohlene VW-Bus roch nach Desinfektionsmittel und kalten Zigaretten. Heinrich saß am Steuer, die Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Nicht vor Anspannung. Vor dem Zittern, das tief in seinen Muskeln saß, ein Nachbeben der Erschöpfung und des Blutverlustes. Er konzentrierte sich auf die Straße, auf die schwarzen, nassen Asphaltbänder, die sich durch das Industriegebiet östlich der Spree schlängelten. Die ersten Vögel zwitscherten, ein falscher, fröhlicher Chor in der Dämmerung.
Nadja kauerte auf dem Beifahrersitz, die Knie angezogen. Sie hatte ein Erste-Hilfe-Set aus dem Bus gefischt und verband mit ruhigen, effizienten Bewegungen die klaffende Schürfwunde an Heinrichs Oberschenkel, wo der Betonsplitter ihn getroffen hatte. Der Stoff seiner Hose war steif von getrocknetem Blut. Das Desinfektionsmittel branne wie Feuer.
„Halte still“, murmelte sie, ohne aufzusehen. Ihr Gesicht war eine Maske der Konzentration im fahlen Licht der Straßenlaternen, die sie passierten.
„Zeit?“, fragte Heinrich, die Zähne zusammengebissen.
Sie warf einen Blick auf das Armaturenbrett. „5:17. Wir haben etwas über eine Stunde.“
Eine Stunde, um einen Plan zu machen. Eine Stunde, um in eine Festung einzudringen. Eine Stunde, um einen lebensgefährlich verletzten Mann zu befreien, den er dreißig Jahre lang gekannt und keinen einzigen Tag wirklich verstanden hatte.
Die Gedanken rasten, aber sie fanden keinen Halt. Sie glitten ab an den sieben Namen in seinem Kopf. An Bernd Hollweg. An das Netz aus Geld und Schweigen, das München mit Berlin verband. Er sah Klaus vor sich, wie er lachte, eine Flasche Bier hebend. *Auf die alten Zeiten, Heinrich!* Welche Zeiten? Die, in denen er schon längst ein Doppelgänger war?
„Du denkst zu laut“, sagte Nadja und klebte den Verband fest. Ihre Finger waren kalt.
„Ich denke an Auswege. Klaus hat immer einen Ausweg geplant, sagtest du. Was wäre sein Plan jetzt?“
Nadja lehnte sich zurück, wischte sich die Hände an ihrer schmutzigen Jeans ab. Sie musterte ihn, als erwäge sie, wie viel Wahrheit er ertragen konnte. „Sein Plan war die Zerstörung. Alles in die Luft jagen. Das Netzwerk. Die Beweise. Sich selbst vielleicht. Er wollte nicht mehr mitspielen.“ Sie blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden, geschlossenen Fabriktore. „Aber er hat die Rechnung ohne Rahn gemacht. Und ohne diesen dritten Mann, für den Hollweg nur der Türsteher ist.“
„Wer könnte das sein?“
„Jemand mit noch mehr zu verlieren. Jemand, für den ein auffliegendes Waffennetzwerk nicht nur ein geschäftliches Desaster wäre. Sondern ein politisches. Ein existentielles.“ Sie zögerte. „Harald hat Andeutungen gemacht. Von ‚Aufträgen jenseits des Kommerziellen‘ gesprochen. Von Lieferungen, die nicht auf offenen Märkten gehandelt werden. Spezifisch. Maßgeschneidert.“
Ein eiskalter Schauer lief Heinrich den Rücken hinunter. Er erinnerte sich an den Fall 2005, an die verlaufene Spur. An Dreschers effiziente Büroarbeit. Es war nie nur um Bestechung gegangen. Es war um Kontrolle.
„Wir können das jetzt nicht lösen“, sagte er, mehr zu sich selbst. „Zuerst kommt Klaus. Dann die Liste.“
Nadja nickte. Sie öffnete das Handschuhfach, durchwühlte den Inhalt. Karten, Stifte, ein verstaubtes Logbuch. Sie zog eine klappbare Papierkarte von Berlin heraus, faltete sie auf. Mit einem Kuli markierte sie einen Punkt östlich des Flusses. „Das Kesselhaus. Alte Brauerei. Hier.“ Ihr Finger tippte auf den Fleck. „Großes Gelände. Umzäunt. Laut Weiland nur noch ein funktionierendes Tor – das Nordtor, wo der Laster rauskommt. Der Rest ist vermauert oder mit Stacheldraht verbarrikadiert.“
Heinrich warf einen Blick auf die Karte. Das Gelände war ein unregelmäßiges Fünfeck, an einer Seite von einem stillgelegten Gleisbett begrenzt. „Wachen?“
„Weiland sagte zwei, drei Mann. Rahns B-Team. Die Profis sind bei der Eskorte.“ Sie zeichnete mit der Kuppe des Kulis grob die Umrisse des Hauptgebäudes nach. „Klaus wird nicht im offenen Lager sein. Zu exponiert. Irgendwo im Inneren. Keller oder ein abgetrennter Kontrollraum.“
„Wie kommen wir rein?“
Nadja spitzte die Lippen. „Über das Dach. Die alten Brauereien haben oft Lüftungsschächte, Wartungsluken. Und hier“ – ihr Kuli wanderte zum südwestlichen Rand des Geländes – „ist das Gleisbett. Der Zaun dort ist alt, rostig. Dahinter lagern sie leere Fässer, Abdeckplanen. Deckung.“
Ein Plan formte sich in Heinrichs Kopf, brüchig und voller Löcher wie der Verband an seinem Bein. „Wir teilen uns auf. Du gehst über das Dach, suchst den genauen Standort. Ich komme von unten, schaffe eine Ablenkung.“
„Eine Ablenkung.“ Nadjas Tonfall war flach. „Mit was? Du hast eine Pistole mit vielleicht sechs Schuss und ein lahmes Bein.“
„Ich habe den Bus“, sagte Heinrich. Seine Augen trafen ihre im Dämmerlicht. „Und ich habe ihren Zeitplan. 6:30 am Nordtor. Wenn ich kurz vorher etwas Lärm an der anderen Seite des Geländes mache…“
„…ziehen sie vielleicht einen der Wachen von Klaus ab.“ Sie nickte langsam. „Riskant. Sehr riskant. Wenn sie nicht kommen, stehst du da wie ein aufgeschrecktes Reh vor dem Zaun.“
„Dann schießen sie auf mich. Und du hast freie Bahn.“ Es klang härter, als er es meinte. Es war einfach Logik.
Nadjas Blick hing an ihm, forschend. „Warum tust du das? Nach allem, was er dir angetan hat?“
Die Frage traf ihn unvorbereitet. Er blickte auf die Straße, auf das graue Licht, das jetzt die Konturen der Welt aus dem Nichts schälte. Warum? Weil es sein Job war? Der Job war vorbei. Weil es Freundschaft war? Die Freundschaft war eine Lüge gewesen.
„Weil ich ihm eine Frage stellen muss“, sagte er schließlich, und seine Stimme war nur ein Raunen. „Aug in Auge. Bevor es zu spät ist.“
Sie sagte nichts mehr. Sie faltete die Karte zusammen, steckte sie ein. Das Schweigen im Bus war nun anders. Nicht gespannt, sondern anerkannt. Ein Pakt zwischen zwei Menschen, die nichts mehr hatten außer dieser einen, verrückten Chance.
Gegen 5:45 Uhr verließen sie die asphaltierten Straßen und bogen auf einen holprigen Wirtschaftsweg ein, der von wildem Brombeergestrüpp gesäumt war. Rechts von ihnen ragte die hohe, backsteinerne Silhouette der alten Brauerei auf, gespenstisch gegen den heller werdenden Himmel. Schornsteine, wie abgebrochene Zähne. Zerstörte Fenster, die das erste Licht auffingen wie blinde Augen. Der Zaun war, wie Nadja vorhergesagt hatte, ein rostiges Drahtgeflecht, an manchen Stellen durchhängend, an anderen mit Wellblechstücken notdürftig geflickt.
Heinrich hielt den Bus hinter einem verfallenen Schuppen an, außer Sichtweite des Geländes. Der Motor verstummte mit einem Seufzer. Die Stille, die folgte, war fast ohrenbetäubend.
„Hier“, sagte Nadja und reichte ihm ein kleines, klobiges Funkgerät aus dem Handschuhfach. „Kanal 4. Reichweite ist schlecht, aber auf dem Gelände sollte es gehen. Ein Klick: Ich bin in Position. Zwei Klicks: Ich habe ihn. Drei Klicks: Notfall.“
Heinrich nahm das Gerät, steckte es in die Innentasche seiner Jacke. Die SIG Sauer lag schwer in seinem Hosenbund. Er fühlte sich uralt und zerbrechlich.
Nadja öffnete die Tür. Die kalte Morgenluft strömte herein, roch nach feuchtem Rost und verwildertem Gras. Sie stand einen Moment da, ein schlanker Schatten im Zwielicht. „Warte auf das Signal“, sagte sie. „Nicht früher. Sie haben Kameras an den Toren, aber im Inneren ist es wohl dunkel und tot. Trotzdem: Geh nicht direkt auf den Zaun zu. Halte dich an der Linie der Büsche.“
Dann war sie weg. Sie verschmolz mit den Schatten am Schuppen, und einen Herzschlag später sah er nur noch eine leichte Bewegung im Brombeerdickicht, die sich in Richtung des alten Gleisbetts bewegte. Dann nichts.
Allein.
Die Minuten krochen. Heinrich beobachtete das Gelände durch die schmutzige Heckscheibe des Busses. Das Kesselhaus lag da wie ein schlafendes Ungeheuer. Keine Bewegung. Kein Licht hinter den blinden Fenstern. Das Nordtor, ein massives Stahltor in der Ferne, war geschlossen.
Sein Atem beschlug die Scheiben von innen. Er wischte mit dem Ärmel darüber, ein nervöses, sinnloses Gesten. Die Namen. *Hollweg. Drescher.* Sie waren hier nicht. Sie waren sicher in ihren Büros, in ihren Häusern. Sie schliefen vielleicht noch. Der Gedanke machte ihn wütend. Eine saubere, klare Wut, die das Zittern in seinen Händen für einen Moment stoppte.
Ein leises *Klicken* an seiner Brust. Einmal. Nadja war in Position.
Er atmete tief durch, roch den Benzingestank des Busses, seinen eigenen Schweiß. Jetzt.
Er stieg aus, die Tür leise schließend. Sein Bein protestierte beim ersten Schritt, ein stechender Schmerz, der ihm den Atem raubte. Er biss die Zähne zusammen und humpelte los, hielt sich an den verwitterten Brettern des Schuppens. Dann querte er eine offene Fläche von vielleicht zwanzig Metern, das Herz bis zum Hals schlagend. Jeder Schritt schien ihm donnernd laut vorzukommen.
Doch nichts geschah. Kein Ruf. Kein Scheinwerfer.
Er erreichte die Brombeerhecke, die parallel zum Zaun verlief, und duckte sich dahinter. Von hier aus konnte er einen Teil des Innenhofs sehen. Verlassene Gabelstapler, verrottende Paletten, Berge von Schrott. Und, näher am Hauptgebäude, eine Reihe von modernen, abgeschlossenen Seecontainern. Rahns aktives Lager.
Ein zweites *Klicken* im Funkgerät. Zwei. Sie hatte Klaus gefunden.
Sein Puls raste. Zeit für die Ablenkung.
Sein Plan war simpel und dumm. Er hob einen faustgroßen Stein vom Boden auf, wog ihn in der Hand. Dann zielte er auf eines der hohen, intakten Fenster im Erdgeschoss eines Nebengebäudes, etwa fünfzig Meter vom Hauptgebäude entfernt.
Der Stein flog in einem flachen Bogen, traf die Scheibe mit einem hellen, kristallinen *Krach*, das in der Morgenstille wie eine Explosion wirkte. Glas regnete nach innen.
Heinrich duckte sich sofort tief in die Brombeeren, die Dornen rissen an seiner Jacke. Er zählte in seinem Kopf. *Eins… zwei… drei…*
Eine Tür schlug irgendwo im Hauptgebäude auf. Stimmen. Zwei Männer, die sich anschnauzten. Schritte auf Schotter, die sich näherten.
„…wahrscheinlich nur ein Vogel…“
„…bei dem Scheiß hier geh ich von allem aus…“
Heinrich spähte durch das Geäst. Zwei Gestalten näherten sich vorsichtig dem zerbrochenen Fenster. Beide bewaffnet, einer mit einer Pumpgun, der andere mit einer Pistole. Sie musterten die Szene, leuchteten mit Taschenlampen ins Dunkel des Nebengebäudes.
Einer blieb am Fenster, der andere, der mit der Pistole, begann, langsam um die Ecke des Gebäudes zu gehen, um den Außenbereich zu checken. Genau was Heinrich gehofft hatte. Ein Wächter weniger bei Klaus.
Er wartete, bis der Mann mit der Pistole außer Sicht war. Dann bewegte er sich, so leise und schnell es sein verletztes Bein zuließ, weiter am Zaun entlang, Richtung der Stelle, die Nadja beschrieben hatte. Das alte Gleisbett.
Der Zaun war hier tatsächlich am verrottetsten. Ein Stück Drahtgeflecht hing lose, nur von ein paar rostigen Klammern gehalten. Heinrich zog seine Jacke aus, wickelte sie um seine Hände, und begann, mit aller Kraft an dem Geflecht zu reißen. Das Metall ächzte, knirschte, gab dann mit einem scheppernden Ruck nach. Eine Öffnung, gerade groß genug, um hindurchzuschlüpfen.
Er robbte hindurch, spürte, wie sich der Rost in seinen frischen Verband fraß. Drinnen roch es nach Moder, altem Öl und dem süßlichen Geruch von vergorenem Malz. Er befand sich in einem schmalen Korridor zwischen hohen Stapeln leerer, verstaubter Metallfässer. Perfekte Deckung.
Von hier aus hatte er Sicht auf den Haupteingang des Kesselhauses – eine große, vernagelte Holztür mit einem kleinen, seitlichen Personaleingang aus Stahl. Der zweite Wächter stand immer noch am zerbrochenen Fenster, den Rücken ihm zugewandt.
Und dann sah er ihn. Durch ein hoch gelegenes, schmales Fenster im ersten Stock des Hauptgebäudes, vielleicht ein ehemaliges Büro. Einen Schatten, der sich gegen das dunkle Glas bewegte. Groß, bullig. Rahn? Nein, die Bewegungen waren zu unruhig, zu angespannt. Einer der Wachen, die bei Klaus geblieben waren.
*Klick.*
Einmal. Nadja war wieder in Position. Sie musste auf dem Dach sein, über dem Raum mit dem Schatten.
Heinrich zog die SIG. Sein Mund war trocken. Jetzt kam der schwierigste Teil. Er musste den Wächter am Fenster weglocken, ohne den am Haupteingang zu alarmieren. Und er musste es so tun, dass es nach einem weiteren falschen Alarm klang.
Er bückte sich, hob einen kleineren, handlichen Stein auf. Dann zielte er nicht auf ein Fenster, sondern auf die Seite des Metallcontainers, der am nächsten zum Haupteingang stand.
Der Stein traf das Blech mit einem lauten, hohlen *Bong*, das über den Hof hallte.
Der Wächter am Fenster fuhr herum, die Pumpgun im Anschlag. „Was zum Teufel?“, brüllte er. Der Mann am Haupteingang zuckte ebenfalls zusammen, drehte sich um.
„Da!“, rief der am Haupteingang und deutete vage in Heinrichs Richtung – nicht präzise, aber nah genug.
Der mit der Pumpgun lief nun los, nicht mehr vorsichtig, sondern wütend, direkt auf die Containerreihe zu. „Zeig dich, du Arsch!“
Heinrich drückte sich hinter die Fässer, atmete flach. Die Schritte kamen näher. Er hörte das charakteristische *Schlack-Schlack* der Pumpgun, die scharf geladen wurde.
Dann, von oben, ein Geräusch. Ein metallisches Scharren. Ein leiser, gedämpfter Schrei, der sofort erstickt wurde.
Der Wächter vor Heinrich stoppte. „Micha?“, rief er nach oben.
Keine Antwort.
In diesem Moment explodierte das Funkgerät an Heinrichs Brust mit statischem Rauschen und Nadjas Stimme, scharf und gehetzt. „*Dritter Mann im Treppenhaus! Er kommt hoch! Ich bin im Raum, aber die Tür…*“
Ein Schuss krachte von oben. Einzelner, trocken.
Alles ging blitzschnell.
Der Wächter vor Heinrich vergaß die Container, drehte sich um und rannte zurück zum Haupteingang. „Alarm!“, brüllte er.
Heinrich trat aus seinem Versteck, die SIG mit beiden Händen ausgestreckt. „Halt!“
Der Mann drehte sich im Laufen, feuerte aus der Hüfte. Die Schrotladung fegte über Heinrichs Kopf hinweg, riss ein paar Fässer hinter ihm auf. Heinrich feuerte zurück, zweimal. Der erste Schuss verfehlte, der zweite traf den Mann am Oberschenkel. Er stürzte mit einem Schrei zu Boden, die Pumpgun rutschte über den Schotter.
Heinrich ignorierte ihn, rannte, hinkte auf den Haupteingang zu. Sein Bein fühlte sich an, als würde es jeden Moment nachgeben. Die Stahltür stand einen Spalt offen. Drinnen Dunkelheit, die nach altem Bier und Feuchtigkeit roch.
Ein weiterer Schuss von oben. Dann Stille.
Er stürmte durch die Tür, fand sich in einer riesigen, hallenden Halle wieder. Alte kupferne Braukessel, wie erstarrte Monster, ragten in die Dunkelheit. Ein schwaches Notlicht irgendwo am anderen Ende warf lange, verzerrte Schatten. Eine eiserne Wendeltreppe führte nach oben zu einer Galerie.
„Nadja!“, rief er.
Ein Klicken im Funkgerät. Drei. Notfall.
Und dann eine Stimme von oben, nicht Nadjas. Atemlos, schmerzerfüllt, aber unverkennbar.
„Heinrich?“
Klaus.