Capitolo 6

Kapitel 6

Der Atem stockte ihr nicht nur. Er erstarb, als würde die Luft im Container plötzlich zu Sirup. Heinrich sah, wie Nadjas Gesicht im bläulichen Licht des Laptops erlosch. Alle Farbe wich, zurück blieb die blasse Maske einer Frau, die gerade realisierte, dass ihr bester Zug ein Schachmatt war.

„Das… das ist nicht möglich“, wiederholte sie, ein leeres Flüstern.

„Die Kamera“, sagte Heinrich. Seine Stimme klang fremd, ruhig, die Stimme des Kommissars, der eine Tatort-Beweissicherung anordnet. „Du hast sie installiert. Du hast den Feed hierher geleitet. Wer sonst hatte Zugriff?“

Nadja riss den Blick vom Bildschirm. Ihre Augen suchten die dunklen Ecken des Containers, als läge die Antwort dort. „Nur ich. Und Harald. Theoretisch.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Aber das System ist alt. Ein einfacher Sender auf einer abgeschirmten Frequenz. Wenn jemand in der Nähe ist mit dem richtigen Scanner…“

„Rahn ist in der Nähe“, stellte Heinrich fest. Auf dem Bildschirm waren jetzt nur noch die beiden Wagen und eine regungslose Gestalt neben dem Fahrerfenster des ersten zu sehen. Der Rest des Teams war verschwunden. Eingetaucht in das Labyrinth des Westhafens. „Er hat dich hierher geführt. Oder Harald.“

„Harald nicht“, fuhr sie ihn an, doch die Überzeugung fehlte. Sie griff nach dem Laptop, ihre Finger flogen über die Tastatur. Fenster schlossen sich, verschlüsselte Verbindungen wurden gekappt. „Er hat keinen Grund…“

„Jeder hat einen Grund“, unterbrach Heinrich sie. Er stand auf, sein Körper schmerzte vom stundenlangen Sitzen auf dem billigen Campingstuhl. Er ging zur Tür, legte sein Ohr an den kalten Stahlspalt. Draußen war es still. Zu still. Das konstante Heulen des Windes hatte aufgehört. „Vielleicht hat Rahn ihn gefunden. Vielleicht hat er mehr Angst vor ihm als vor deinem toten Mannsschalter.“

Ein leises Klicken. Nadja hatte den Laptop zugeklappt. Das blaue Licht erlosch, ließ sie in der schwankenden Dunkelheit der Arbeitslampe zurück. „Wir müssen raus. Jetzt.“

„Wohin?“ Heinrich drehte sich zu ihr um. „Sie kennen dein Versteck. Sie kennen den Feed. Sie wissen, dass wir hier waren und Klaus beobachtet haben. Sie haben jeden Ausgang abgesichert. Das hier“ – er machte eine weite Geste, die die engen Wände umfasste – „ist eine Falle. Und wir sind mitten rein getappt.“

Sie ignorierte ihn. Kniete sich hin und begann, die schwarze Metallbox mit den USB-Sticks und dem Mikrofilm aus ihrem Versteck unter einer losen Bodenplatte zu ziehen. Dann griff sie nach einem schwarzen Rucksack, stopfte den Laptop hinein, dann die Box. Ihre Bewegungen waren schnell, aber nicht hektisch. Geübt. „Es gibt einen Weg. Nicht durch die Türen.“

Sie trat an die gegenüberliegende Wand des Containers, wo ein Regal mit Werkzeugen und alten Elektronikteilen stand. Mit einem Ruck schob sie es beiseite. Dahinter war die Stahlwand mit Graffiti besprüht, rostige Flecken wie Wunden in der Bemalung. Nadja drückte mit der Schulter dagegen, an einer scheinbar willkürlichen Stelle. Mit einem leisen, metallischen Ächzen gab ein rechteckiger Ausschnitt nach – eine manuell ausgeschnittene und neu angeschweißte Geheimtür, kaum einen halben Meter breit und hoch.

„Notausgang“, sagte sie atemlos. „Führt in den Leerraum zwischen zwei Container-Reihen. Von dort zum Kai.“

Heinrich starrte auf das schwarze Loch. Es roch nach Moder und brackigem Wasser. „Und dann?“

„Dann sehen wir weiter.“ Sie warf ihm einen Blick zu. „Oder willst du hier warten, bis sie die Tür aufbrechen?“

Das Geräusch ließ sie beide erstarren. Nicht von draußen. Von oben. Ein sanftes, schleifendes Geräusch über das Dach des Containers. Wie ein Schuh, der über nassen Stahl streift.

Es war kein Zufall. Es war eine Positionsbestimmung.

Heinrich griff nach seiner Walther, checkte das Magazin mit einer automatischen Geste. Nadja zog eine schlanke, schwarze Pistole aus ihrem Hüfter – eine CZ 75 Shadow, die Waffe einer Profis. Sie nickte ihm zu.

„Du zuerst“, flüsterte er.

Sie duckte sich und zwängte sich durch die enge Öffnung. Für einen Moment verschluckte die Dunkelheit sie vollständig. Heinrich folgte, sein breiterer Oberkörper kratzte an den scharfen Kanten des Stahls. Der Raum dahinter war eine enge Schlucht, nicht einmal ein Meter breit, gefüllt mit verrottenden Holzpaletten und Müll. Die Luft war eiskalt und stank nach dem fauligen Atem der Spree.

Nadja zeigte nach links. „Dem Kai entlang. Da gibt es ein kleines Boot. Ein Schlauchboot.“

Sie bewegten sich im Gänsemarsch, Rücken an die kalten Containerwände gepresst. Jeder Schritt war eine bewusste Entscheidung, jedes Aufsetzen der Füße eine potenzielle Verräterei. Heinrichs Sinne waren auf maximale Empfindlichkeit hochgefahren. Das Plätschern des Wassers irgendwo rechts. Das ferne Hupen der Stadt. Das Knacken seiner eigenen Knie.

Sie erreichten das Ende der Schlucht. Vor ihnen lag der Kai, eine betonierte Fläche, die in das schwarze, ölige Wasser des Westhafens überging. Ein paar schwache Sicherheitslichter warfen trübe Kreise auf den Boden. Keine dreißig Meter entfernt lag ein kleines, schwarzes Schlauchboot an einem rostigen Ringbolzen vertäut.

„Da“, flüsterte Nadja und machte einen Schritt aus dem Schatten.

Das Scheinwerferlicht traf sie wie eine physische Welle.

Zwei gleißend helle Lichtkegel schnitten durch die Nacht, von der Zufahrtsstraße auf den Kai. Sie erfassen Nadja voll, ließen sie wie ein erstarrtes Reh wirken. Aus den Schatten hinter den Scheinwerfern traten Gestalten. Drei. Vier. Verteilt, diszipliniert, die Konturen von Waffen gegen das Licht erkennbar.

Heinrich blieb im Schutz der Container-Schlucht, die Walther fest umklammert. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. *Rausgehen. Sie decken. Ein sinnloser Heldentod.* Sein Verstand, kalt und klar, wog die Optionen ab. Es gab keine.

Aus dem Dunkel zwischen den Scheinwerfern löste sich eine vertraute, bullige Gestalt. Viktor Rahn ging langsam, fast gemächlich, auf Nadja zu. Er trug einen dunklen Trenchcoat, die Hände in den Taschen vergraben.

„Frau Volkova“, sagte er. Seine Stimme trug mühelos über den stillen Kai. Sie war ruhig, fast bedauernd. „Sie machen es einem wirklich nicht leicht. Erst das Theater im ‚Stillen Fährmann‘, dann diese… Container-Exkursion. Ich schätze Effizienz. Das hier ist Verschwendung.“

Nadja sagte nichts. Sie stand da, das schwarze Loch ihrer Pistole auf Rahn gerichtet. Aber die Scheinwerfer machten sie zur perfekten Zielscheibe, blendeten sie. Sie konnte nicht alle sehen.

„Legen Sie die Waffe weg“, sagte Rahn, als würde er ein unartiges Kind zurechtweisen. „Wir haben viel zu besprechen. Über Klaus. Über Harald. Über Ihre… ambitionierten Pläne für die Rousseau-Insel.“

Ein kalter Schreck fuhr Heinrich in die Glieder. *Sie wussten es. Sie wussten alles.* Der Plan war tot, bevor er geboren war.

„Wo ist Klaus?“ rief Nadja. Ihre Stimme hatte einen Riss.

„In sicherem Gewahrsam. Er hat viel erzählt. Sehr viel.“ Rahn machte noch einen Schritt. Er war jetzt nur noch zehn Meter von ihr entfernt. „Besonders über die Rolle seines alten Freundes. Kommissar Steiner.“ Er drehte den Kopf, richtete seinen Blick genau auf die Dunkelheit, in der Heinrich stand. „Treten Sie heraus, Herr Steiner. Lassen Sie uns das wie Erwachsene regeln.“

Die Entscheidung war ihm abgenommen. Einer von Rahns Männern, ein Schatten an der rechten Flanke, hatte sich seitlich bewegt und hatte jetzt freie Schusslinie auf Heinrichs Position. Ein weiterer Schritt, und er war entdeckt.

Heinrich atmete tief ein. Die Luft roch nach Diesel und Verrat. Dann trat er aus dem Schatten, die Walther gesenkt, aber griffbereit. Das zweite Scheinwerferpaar fing ihn sofort ein.

Rahn betrachtete ihn mit einer Art professioneller Neugier. „Der pensionierte Kommissar. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Die meisten Männer Ihres Alters wären längst nach Hause gegangen.“

„Klaus ist mein Zuhause“, sagte Heinrich. Die Worte kamen von selbst, roh und wahr.

Ein leichtes Zucken um Rahns Mund. Bedauern? Verachtung? „Ein sentimentales Hindernis. Das schätze ich nicht.“ Seine Hände kamen aus den Taschen. In der Linken hielt er ein kleines, schwarzes Funkgerät. „Ich biete einen einfachen Tausch an. Ihre Kooperation gegen sein Leben.“

„Was für eine Kooperation?“ fragte Nadja, ohne den Blick von Rahn zu lassen.

„Sie geben mir die physischen Sicherungskopien. Alle. Die USB-Sticks, den Mikrofilm, die Backups, die der gute Harald angelegt hat.“ Rahn sprach langsam, deutlich. „Und im Gegenzug lasse ich Sie gehen. Alle drei. Klaus, Sie, Herr Steiner. Sie verschwinden. Für immer.“

„Und Sie vertrauen darauf, dass wir schweigen?“ Heinrichs Stimme war rau.

„Ich vertraue auf die Mathematik der Angst“, korrigierte Rahn ihn. „Ohne Beweise sind Sie nur zwei pensionierte Bürger mit einer abenteuerlichen Geschichte. Und Klaus…“ Er zuckte mit den Schultern. „Klaus wird verstehen, dass sein zweites Leben endgültig vorbei ist. Er hat ohnehin genug.“

Es war verlockend. Ein sauberer Schnitt. Ein Ausweg aus dem Labyrinth aus Stahl und Gefahr. Heinrich sah Nadja an. Im gleißenden Licht konnte er den Kampf in ihren Zügen sehen. Der Wunsch zu überleben. Die Wut, nachzugeben. Die Angst um Klaus.

Dann fiel sein Blick auf das Funkgerät in Rahns Hand. Ein gewöhnliches Modell. Aber der Daumen des Mannes lag nicht auf der Sprechtaste. Er ruhte daneben. Eine wartende Haltung.

*Er lügt.*

Die Erkenntnis traf Heinrich mit der Wucht eines Faustschlags. Rahn war kein Verhandler. Er war ein Chirurg. Er schnitt Probleme heraus. Und hier standen drei Probleme direkt vor ihm. Warum sollte er sie laufen lassen? Warum das Risiko eingehen?

Weil er etwas brauchte. Etwas, das sie noch nicht gegeben hatten.

„Die Liste“, sagte Heinrich plötzlich. Seine Worte hallten über den Kai.

Rahns Augen verengten sich, nur um einen Millimeter. Ein winziger Riss in der Fassade.

„Welche Liste?“ fragte Nadja verwirrt.

„Die Liste aus Klaus’ Brieftasche. Die sieben Namen. Die Abrechnungen.“ Heinrich hielt Rahns Blick fest. „Das ist es, was du wirklich willst. Nicht nur die Backups. Die Liste der Schweigegeld-Empfänger. Die letzten Verbindungen zu den Leuten in Behörden, bei der Polizei, beim Zoll. Die Klaus bezahlt hat, um abzusichern. Du willst sie nicht, um sie zu schützen. Du willst sie, weil sie dein Hebel sind. Deine neue Kontrollliste.“

Für einen langen Moment war es still. Nur das leise Summen der Scheinwerfer und das Plätschern des Wassers gegen die Kai-Mauer.

Dann lächelte Rahn. Es war kein freundliches Lächeln. Es war die Entblößung einer Falle. „Sehr gut, Herr Kommissar. Der alte Instinkt stirbt nie, wie? Ja. Die Liste. Harald war… unvollständig in seinen Aufzeichnungen. Klaus behielt die sensibelsten Namen für sich. In seinem Kopf. Und offenbar auf einem Zettel.“ Sein Blick wanderte zu Nadjas Rucksack. „Sie haben ihn. Geben Sie ihn mir. Zusammen mit allem anderen. Dann ist der Tausch gültig.“

Nadja starrte Heinrich an. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie hatte die Liste nicht gewusst. Sie hatte nicht verstanden, was sie ihm gegeben hatte.

Heinrich schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“

Das Wort hing in der kalten Luft, klein und hart wie ein Geschoss.

„Nein?“ Rahns Lächeln erstarb. „Sie sind in keiner Position, Nein zu sagen.“

„Doch“, sagte Heinrich. Er spürte eine seltsame Ruhe. Die Ruhe, wenn alle Illusionen weggefallen sind. „Weil wenn du die Liste hast, sind wir erledigt. Du wirst uns nie von diesem Kai gehen lassen. Die Liste ist unser einziges Pfand.“ Er machte einen Schritt vor, weg vom Schutz der Container, direkt ins volle Licht. „Also hier ist mein Gegenangebot. Du lässt Klaus hierher bringen. Jetzt. Wir sehen ihn, wir sprechen mit ihm. Dann geben wir dir die Liste. Und du lässt uns zu dem Boot gehen.“

Rahn betrachtete ihn schweigend. Die Männer an seinen Flanken rührten sich nicht. Die Nacht schien den Atem anzuhalten.

„Und die Backups?“ fragte Rahn schließlich.

„Die behalten wir. Als Versicherung.“

Ein kaltes Lachen. „Naiv. Die Liste ist wertlos, wenn ich die Primärdaten habe.“

„Vielleicht“, gab Heinrich zu. „Aber sie ist wertvoll für die sieben Namen darauf. Und ich bezweifle, dass sie es schätzen würden, wenn du sie in der Hand hättest. Vielleicht machen sie dir dann Ärger. Vielleicht ist es besser für dich, wenn die Liste… verschwindet.“

Es war ein Bluff. Ein dünner, durchsichtiger Bluff. Aber er spielte mit der Paranoia, die jedes kriminelle Netzwerk durchzog. Misstrauen war die Währung.

Rahn hob langsam das Funkgerät. Sein Daumen schwebte über der Taste. Seine Augen, zwei funkelnde Punkte im Gegenlicht, wogen Heinrich ab. Den alten Mann mit der Pistole, der nichts mehr zu verlieren hatte außer einen Freund.

„Sehr wohl“, sagte er leise. Er sprach in das Funkgerät. Ein einziges, knappes Wort. „Bringt ihn.“

Die Sekunden zerrannen zu Minuten. Die Stille war eine Folter. Heinrich spürte Nadjas angespannten Blick, spürte die Mündungen der unsichtbaren Waffen, die auf ihn gerichtet waren. Sein Arm, der die Walther hielt, begann zu schmerzen.

Dann Bewegung am Ende des Kais. Zwei weitere Gestalten traten aus dem Dunkel. Zwischen ihnen eine dritte, die schwankte, deren Kopf gesenkt war. Sie kamen näher, traten ins Licht.

Es war Klaus.

Sein gepflegtes Äußeres war dahin. Sein teurer Trenchcoat war schmutzig und an einer Schulter aufgerissen. Sein Gesicht war blass, eine frische Schwellung über seinem linken Auge. Aber er ging aus eigener Kraft. Seine Augen, als er aufblickte und das Licht traf, waren trübe, voller Schmerz und einer erschreckenden Klarheit.

Er sah Heinrich. Und für einen Bruchteil einer Sekunde, bevor die Maske des Leidens wieder herabfiel, war da etwas anderes. Nicht Überraschung. Nicht Freude.

*Scham.*

„Klaus!“ rief Nadja, ihre Stimme brach.

Klaus’ Blick wanderte zu ihr, dann zurück zu Rahn. Er sagte nichts.

„Sie sehen“, sagte Rahn. „Unversehrt. Mehr oder weniger. Jetzt. Die Liste.“

Heinrich niekte Nadja zu. Langsam, ohne hastige Bewegungen, ließ sie ihren Rucksack von der Schulter gleiten, kniete sich hin und öffnete ihn. Sie holte die schwarze Metallbox heraus, öffnete sie. Zwischen den USB-Sticks lag der gefaltete Zettel. Sie zog ihn heraus, hielt ihn hoch.

„Zu mir“, befahl Rahn.

Nadja stand auf, machte einen Schritt auf ihn zu.

„Halt!“ Heinrichs Ruf ließ sie erstarren. Er hatte etwas gesehen. Eine winzige Bewegung von Klaus. Ein fast unmerkliches Schütteln des Kopfes. Ein Warnen. *Nein.*

Sein Blick raste zu den beiden Männern, die Klaus flankierten. Sie standen zu nah. Ihre Hände griffen nicht Klaus’ Arme, sie waren frei, in Manteltaschen vergraben. Und einer von ihnen… der Blick war nicht auf Klaus oder sie gerichtet. Er starrte auf einen Punkt hinter Rahn. Auf ein Signal.

Es war keine Übergabe. Es war eine Hinrichtung. Sobald Rahn die Liste in der Hand hatte, würden die Schüsse fallen. Zuerst auf ihn und Nadja. Dann, im Durcheinander, vielleicht auch auf Klaus. „Bedauerlicher Zwischenfall“. „Fluchtversuch“.

„Ändern Sie den Plan“, sagte Heinrich, seine Stimme schnitt durch die Nacht wie Glas. „Nadja wirft die Liste ans andere Ende des Kais. Während sie und ich zum Boot gehen. Wenn wir ablegen, sagen wir Ihnen, wo Klaus’ zweite Kopie der Liste ist. Eine Sicherheit.“

Rahns Gesicht wurde zu Stein. „Sie versuchen meine Geduld.“

„Ich versuche, zu überleben. So wie du.“

Ihre Blicke trafen sich, messerscharf. Die Luft war geladen, bereit, jeden Moment zu explodieren. In der Stille hörte Heinrich etwas. Ein neues Geräusch. Leise, rhythmisch. Nicht von der Straße.

Vom Wasser.

Ein leises, elektrisches Summen. Das Geräusch eines leisen Außenbordmotors.

Rahn hörte es ebenfalls. Sein Kopf fuhr herum, Richtung Spree. Aus dem Dunst über dem schwarzen Wasser löste sich eine Form. Ein kleines, flaches Gummiboot, ohne Lichter. Darin eine einzige Gestalt, kaum mehr als ein Schatten.

Harald.

Der Buchhalter stand aufrecht im Boot, wackelig, eine Hand an einem kleinen, kastenförmigen Gerät, das er vor seiner Brust hielt. Ein Lautsprecher. Seine Stimme, dünn und verzweifelt, hallte über den Kai.

„Ich habe es gesendet!“ schrie er. „An alle! Die ganze Datei! Schauen Sie auf Ihre Handys! Es ist vorbei!“

Rahns Reaktion war blitzschnell. Sein Arm schnellte hoch, die Pistole, die plötzlich in seiner Hand war, zielte auf das Boot.

Doch in der Sekunde der tödlichen Überraschung, als alle Blicke auf den Fluss gerichtet waren, bewegte sich Klaus.

Mit einer animalischen Wucht, die niemand ihm zugetraut hätte, rammte er seine Schulter in den Bauch des Mannes zu seiner Rechten. Gleichzeitig griff seine linke Hand nach der Waffe des anderen. Ein Schuss krachte, irrte ins Nichts.

Das Chaos brach los.

Heinrich reagierte instinktiv. Er packte Nadja am Arm, riss sie zu Boden, als die ersten Schüsse von Rahns Männern das Boot und den Kai um sie herum durchsiebten. Splitter von Beton spritzten auf. Das Summen des Außenborders wurde zu einem heulenden Aufschrei, dann zu einem erstickten Gurgeln, als Kugeln das Gummiboot trafen.

„Zum Boot!“ brüllte Heinrich in Nadjas Ohr und meinte ihr Schlauchboot.

Sie krochen, rutschten über den nassen Beton, weg vom Kreuzfeuer. Hinter ihnen war das Schreien von Männern, die Befehle Rahns, der seine Leute zurückzupfeifen versuchte, mehr Schüsse. Heinrich riskierte einen Blick zurück.

Klaus war am Boden, ringend mit einem der Wachen. Haralds Boot drehte sich langsam, trieb hilflos, die Gestalt darin regungslos. Und Rahn… Rahn stand da, sein Gesicht eine Maske eiskalten Zorns, und feuerte nicht auf das Boot. Nicht auf Klaus.

Sein Blick suchte den Kai. Suchte sie.

Er fand sie. Seine Pistole senkte sich. Zielte.

Heinrich schob Nadja vor sich her, Richtung des schwarzen Schlauchboots. Noch zehn Meter. Fünf.

Ein Schlag traf ihn von der Seite, als wäre er von einem Hammer getroffen worden. Nicht der brennende Schmerz einer Kugel, sondern der dumpfe Aufprall eines steinernen Geschosses. Eine Kugel hatte den Beton vor ihm getroffen, und ein scharfes Stück Splitter hatte sich in seinen Oberschenkel gebohrt. Er stolperte, fiel schwer aufs Knie.

Nadja drehte sich um, ihre Augen weit vor Entsetzen. Sie griff nach ihm, zerrte ihn weiter. Ihre Hände waren nass. Von seinem Blut.

Sie erreichten das Boot. Nadja riss das Tau vom Ringbolzen, stieß es mit einem Fuß vom Kai ab. „Rein!“

Heinrich rollte sich über die weiche Gummiseite, landete auf dem Boden des Bootes. Nadja sprang nach, landete schwer neben ihm, griff sofort nach den Rudern. Ein letzter, kräftiger Stoß vom Kai, und die Strömung fing sie, zog sie langsam auf den dunklen Fluss hinaus.

Auf dem Kai war das Gefecht verebbt. Rahns Männer zogen sich in die Schatten zurück, schleppten etwas – oder jemanden – mit. Rahn selbst stand am Rand des Kais, ein dunkler Silhouette gegen die Scheinwerfer. Er feuerte nicht mehr. Er beobachtete nur, wie das kleine Schlauchboot in die Dunkelheit der Spree trieb.

Heinrich presste die Hand auf seinen Oberschenkel. Der Schmerz war ein dumpfes, pochendes Feuer. Durch den Stoff seiner Hose fühlte er das warme, klebrige Sickern des Blutes und den scharfen Kantens eines Betonsplitters.

Nadja ruderte verzweifelt, ihr Atem kam in keuchenden Stößen. Sie warfen einen Blick zurück auf den Kai, der jetzt nur noch eine Kette schwindender Lichter war.

Dann, aus der Richtung, in der Haralds Boot getrieben war, ein letztes, markerschütterndes Geräusch. Kein Schuss.

Das dumpfe, grollende *Wummm* einer Explosion. Eine orangegelbe Stichflamme zerriss für eine Sekunde die Nacht, warf tanzende Reflexe auf das ölige Wasser. Dann Stille, gebrochen nur vom leisen Plätschern ihrer Ruder.

Haralds Beweis war vernichtet. Sein Gedächtnis ausgelöscht.

Und mit ihm, wusste Heinrich, während die Kälte des Flusses in seine Wunde kroch, war auch ihre letzte, große Hoffnung verbrannt.