Capitolo 2

Kapitel 2

Die Tür des „Stillen Fährmann“ ging auf, und die kalte Nachtluft strömte herein, vermischt mit dem Geruch von nassem Asphalt und dem fernen Rauch der Stadt. Viktor Rahn trat ein, als gehöre er hierher. Sein Blick streifte den Raum, nicht suchend, sondern bestätigend. Er sah die Kellnerin, die jetzt steif hinter der Theke stand, die Hände verborgen. Er sah das verlassene Tablett mit den drei leeren Gläsern. Dann sah er Heinrich und Nadja.

Seine Schritte auf den alten Dielen waren unhörbar.

Heinrichs Hand zuckte instinktiv zur Hüfte, wo unter seiner Jacke der vertraute Druck der Walther lag. Eine Bewegung, so fein, dass nur ein Profi sie bemerkt hätte. Rahn bemerkte sie. Ein winziges Zucken in seinem linken Augenwinkel verriet es. Er blieb zwei Schritte vor ihrem Tisch stehen, die Hände sichtbar in den Manteltaschen vergraben.

„Frau Volkova“, sagte er. Seine Stimme war überraschend weich, fast bedauernd. „Sie haben einen langen Weg hinter sich. Kiew ist weit.“

Nadja erstarrte nicht. Sie lehnte sich zurück, als würde sie einen alten, unerwünschten Bekannten begrüßen. „Viktor. Ich dachte, Sie hätten Buchhalter zu solchen Botengängen.“

„Manchmal“, erwiderte Rahn, „muss man die Bücher persönlich überprüfen. Vor allem, wenn Seiten fehlen.“ Seine Augen, farblos wie Schiefer, wanderten zu Heinrich. „Und Sie müssen der Freund sein. Steiner, richtig? Der pensionierte Mann aus München.“

Heinrich sagte nichts. Er ließ seine Hände auf dem Tisch liegen, offen, nicht bedrohlich. Er beobachtete. Den zu großen Mantel, der die Körperform verbarg. Die Art, wie Rahns Schultern entspannt hingen, nicht angespannt. Ein Mann, der keine unmittelbare Gefahr erwartete. Oder einer, der sie selbst war.

„Klaus ist nicht hier“, sagte Heinrich. Seine eigene Stimme klang ihm rau und fremd in den Ohren.

„Das weiß ich“, sagte Rahn. „Klaus ist… unauffindbar. Das macht die Bücher unordentlich. Und Frau Volkova hier“ – er nickte ihr zu – „hat eines unserer wichtigsten Kontaktbücher. Ein Adressbuch, könnte man sagen. Für spezialisierte Lieferanten.“

„Ich habe nichts“, schnitt Nadja ihm das Wort ab. Ihre Stimme war ein scharfes Messer.

„Sie hatten Zugang“, korrigierte Rahn sanft. „Und in unserer Branche ist Zugang oft wertvoller als Besitz. Klaus vertraute Ihnen. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Er wurde sentimental.“ Er seufzte, ein Geräusch wie das Rascheln von trockenem Laub. „Sentimentalität ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Sie führt zu… Unregelmäßigkeiten.“

Plötzlich zog er seine rechte Hand aus der Tasche. Nicht schnell. Nicht langsam. Eine einfache, fließende Bewegung. Sie hielt keine Waffe. Sie hielt ein Smartphone. Ein gewöhnliches, graues Gerät. Er legte es auf den Tisch zwischen die leeren Gläser.

„Herr Steiner“, sagte Rahn. „Sie sind hier, weil Sie einen Freund suchen. Ich respektiere das. Loyalität ist eine seltene Ware. Ich biete Ihnen einen Handel.“

Das Telefonbildschirm erwachte zum Leben. Ein Foto. Unscharf, aus einem fahrenden Auto aufgenommen. Es zeigte das Portal eines heruntergekommenen Altbaus, irgendwo in Berlin. Vor dem Portal stand ein Mann, den Rücken zur Kamera, den Kopf gesenkt. Er trug einen hellen Trenchcoat, den Heinrich kannte. Klaus hatte ihn letzten Herbst in London gekauft.

Heinrichs Atem stockte. Sein Herz schlug einmal, hart, gegen seine Rippen.

„Wo?“, brach es aus ihm heraus.

„Geduld“, murmelte Rahn. „Der Handel. Frau Volkova übergibt mir, was sie weiß. Die Routen, die Codes, die sicheren Häuser der letzten sechs Monate. Im Gegenzug bekommen Sie diese Adresse. Und mein Wort, dass ich Sie dort ungestört Ihren Freund finden lasse.“

„Ihr Wort“, spuckte Nadja verächtlich. „Das ist weniger wert als das Bier in diesen Gläsern.“

Rahn ignorierte sie. Seine Augen blieben auf Heinrich geheftet. „Sie sind der Vernünftige hier, Steiner. Der Mann von Gesetz und Ordnung. Auch im Ruhestand. Sie wissen, wie man Geschäfte macht. Dies ist ein Geschäft. Sie bekommen, was Sie wollen. Ich bekomme, was ich brauche. Und niemand muss heute Nacht hier verletzt werden.“

Die Drohung hing lautlos im Raum. Die Kellnerin hinter der Theke bewegte sich nicht. Das Summen des Kühlschranks war das einzige Geräusch.

Heinrichs Verstand raste. Das Foto konnte alt sein. Eine Falle. Aber der Trenchcoat… die Haltung… es *war* Klaus. Die Hoffnung, ein greller, schmerzhafter Blitz, durchfuhr ihn. Dann das Misstrauen, eingehämmert durch drei Jahrzehnte Ermittlungsarbeit. Nichts war, wie es schien. Vor allem nicht hier.

Er sah Nadja an. Ihr Gesicht war eine Maske aus kaltem Zorn, aber in ihren Augen flackerte etwas anderes. Angst? Nicht um sich selbst. Etwas Größeres.

„Warum?“, fragte Heinrich Rahn. „Warum dieser Handel? Sie könnten sie einfach nehmen.“

Rahn lächelte zum ersten Mal. Es war ein dünner, humorloser Riss in seinem Gesicht. „Gewalt ist unordentlich. Sie zieht Aufmerksamkeit auf sich. Polizei. Fragen. Klaus’ Verschwinden hat bereits zu viel… Unruhe geführt. Ein sauberer Austausch ist besser. Und Sie“ – er zeigte mit dem Kinn auf Heinrich – „sind ein unbeschriebenes Blatt. Kein Teil dieses Spiels. Ein neutraler Bote, könnte man sagen. Sie nehmen Ihren Freund und verschwinden zurück nach München. Und vergessen alles, was Sie gehört haben.“

*Vergessen.* Das Wort hing in der Luft. Konnte er das? Konnte er Klaus finden, ihn aus diesem Sumpf ziehen und einfach vergessen, dass sein bester Freund dreißig Jahre lang ein Lügner war?

Nadja beugte sich plötzlich vor. Ihr Flüstern war so scharf, dass es schnitt. „Geben Sie ihm nichts, Steiner. Wenn er die Routen hat, löscht er sie aus. Alle. Mit den Menschen, die sie bedienen.“

Rahn seufzte erneut. „Dramatik. Immer diese Dramatik.“ Seine linke Hand kam aus der Tasche. Sie hielt einen kleinen, schwarzen Gegenstand, keine Waffe, einen Autoschlüssel mit Fernbedienung. Er drückte einen Knopf.

Draußen auf der Straße piepste kurz ein Auto. Ein weißer Lieferwagen, unscheinbar, parkte weiter hinten im Schatten.

Die Tür zur Küche des „Stillen Fährmann“ schwang auf. Ein zweiter Mann trat heraus. Groß, breit, mit einem Gesicht so ausdruckslos wie ein Stein. Er blieb neben der Theke stehen, die Arme verschränkt. Seine Jacke war an einer Stelle über der Brust merkwürdig ausgebeult.

Die Mathematik der Situation veränderte sich schlagartig. Zwei gegen einen. Nein, zwei gegen zwei, aber Nadja war keine Kämpferin, das sah er. Sie war eine Überlebende. Und der Bullige an der Theke hatte eindeutig die Feuerkraft.

„Letztes Angebot“, sagte Rahn. Seine weiche Stimme hatte nun einen Stahlkern. „Das Adressbuch. Gegen das Leben Ihres Freundes. Und Ihres.“

Heinrichs Mund war trocken. Der Geschmack von Bitterbier und Angst. Er sah auf das Telefon. Das unscharfe Bild von Klaus. Sein Freund. Der Lügner. Der Einzige, der noch übrig war.

Dann geschah etwas Unerwartetes.

Nadja stieß einen kurzen, verachtenden Laut aus. „Sie sind ein Narr, Viktor. Glauben Sie wirklich, ich trage so etwas bei mir?“ Sie griff in die Innentasche ihrer Lederjacke. Rahns Bullizehrte sich leicht vor. Der Mann an der Theke ließ die Arme sinken.

Doch was sie herauszog, war kein Notizbuch. Es war ein zusammengefalteter Zettel. Sie warf ihn auf den Tisch, direkt vor Rahn.

„Eine Seite“, sagte sie. „Eine letzte Lieferung, die Klaus arrangiert hat, bevor er verschwand. Die Adresse des Lagers. Der Code. Mehr habe ich nicht. Der Rest ist in meinem Kopf. Und der geht mit mir.“

Rahns Augen verengten sich zu Schlitzen. Er nahm den Zettel, entfaltete ihn mit spitzen Fingern. Sein Blick überflog die Zeilen. Etwas in seiner Haltung versteifte sich. Es war nicht Triumph. Es war etwas Dunkleres. Wut? Bestürzung?

„Das war… nicht vereinbart“, sagte er leise.

In diesem Moment, diesem winzigen Bruchteil von Überraschung und Konzentration, handelte Heinrich.

Er bewegte sich nicht auf Rahn zu. Er bewegte sich nicht zum Bulligen. Er tat das, was ein alter Kommissar tun würde, der eine Schlägerei vermeiden will. Er stand einfach auf, ruckartig, und stieß dabei mit der Hüfte gegen den Tisch. Die leeren Gläser klirrten. Das Telefon und der Zettel hüpften.

„Entschuldigung“, murmelte er, scheinbar unbeholfen, und griff mit beiden Händen nach dem wackelnden Tisch, um ihn zu stabilisieren.

Es war genug Ablenkung. Ein Sekundenbruchteil.

Nadja explodierte aus ihrem Stuhl. Nicht zur Tür. Zur Theke. Ihre Hand fuhr unter den Tresen, wo die Kellnerin vorher gestanden hatte, und kam mit einem kurzen, schweren Schlagstock wieder hervor, der dort offenbar deponiert war. Sie wirbelte herum und schlug dem bulligen Mann nicht auf den Kopf, sondern mit brutaler Präzision gegen das Knie.

Ein knisterndes, nasses Geräusch. Ein unterdrückter Schrei.

Heinrich nutzte die Bewegung. Seine eigene Hand verschwand unter seiner Jacke, umgriff den Griff der Walther. Doch er zog sie nicht. Stattdessen griff er mit der linken Hand zu, schnappte sich das Smartphone von Rahns Tisch und warf es mit aller Kraft gegen die bauchige Glühbirne über der Theke.

*Zisch-KLIRR!*

Plötzliche, blendende Dunkelheit, durchsetzt mit dem tanzenden blauen Funkenregen der zerberstenden LED.

„RAUS!“, brüllte er, mehr Instinkt als Befehl.

Er packte Nadja am Arm, spürte die angespannten Sehnen unter der Lederjacke, und zog sie mit sich Richtung Eingang. Nicht zur Haupttür, wo Rahn stand. Zur schmalen, kaum sichtbaren Tür neben der Toilette, die er beim Hereinkommen registriert hatte – den Notausgang oder den Weg zum Hinterhof.

Hinter ihnen im Dunkeln brüllte der verletzte Mann. Ein Stuhl krachte um. Dann ein leises, gefährliches *Schnappen* – der sichere, metallische Ton einer entsicherten Pistole.

Rahns Stimme schnitt durch das Chaos, eiskalt und klar: „NICHT SCHIEßEN! Sie wollen ihn lebend!“

*Lebend.* Das Wort verfolgte Heinrich, als er mit der Schulter gegen die schmale Tür krachte. Das Schloss gab nach, alt und morsch. Kalte Luft und der beißende Geruch von Mülltonnen schlugen ihnen entgegen.

Sie stolperten in einen engen, dunklen Hinterhof, eingezwängt zwischen hohen Brandmauern. Irgendwo links musste ein Durchgang zur Straße sein.

Nadja riss sich los, keuchte. „Hier lang!“

Sie rannten, ihre Atemstöße bildeten weiße Wolken in der Dunkelheit. Hinter ihnen barst die Tür des „Stillen Fährmann“ wieder auf. Ein Schatten füllte den Rahmen.

Heinrich blickte nicht zurück. Er rannte, das kalte Metall der Walther schlug gegen seine Rippen, das gestohlene Smartphone brannte in seiner Jackentasche wie eine glühende Kohle. In seiner anderen Hand, fest umklammert, hielt er immer noch den zusammengeknüllten Zettel, den er im Moment der Dunkelheit vom Tisch gerissen hatte.

Die Wahrheit über Klaus lag jetzt nicht mehr nur in Berlin. Sie lag in seiner Faust. Und sie war heiß, gefährlich und floh mit ihm durch die dunklen Gassen von Kreuzberg.